Linux – Der Untergang

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Mein Projekt zum Umstieg von Windows 7 auf Linux Mint ist vorgestern offiziell gescheitert. Meine Linux-Installation hat nicht ganz zwei Monate gehalten, und nun ist sie hinüber. ‚Hinüber‘ vom Standpunkt eines durchschnittlichen Windows-Benutzers gesehen. Natürlich könnte ich jetzt noch alle Hebel in Bewegung setzen, stundenlang nachforschen und kryptische Recovery-Befehle ausführen, den Rechner dem einzigen Linux-Experten in meinem Bekanntenkreis zur Analyse übergeben, und am Ende würde es vermutlich irgendwann wieder laufen, aber das war von vornherein nicht die Intention des Experiments. Tja, und was war passiert?

Vorgestern wollte ich ein Unterverzeichnis auf einer meiner NTFS-Festplatten anlegen (und ich schätze das hat bis dahin immer geklappt), doch dann stürzte der Dateimanager plötzlich ab, als ich dem neuen Ordner einen Namen geben wollte und ENTER gedrückt habe. Tja … Linux … so wahnsinnig stabil. Ich entschied mich, es noch einmal zu versuchen, das war bestimmt nur ein Ausrutscher. Auch beim zweiten Mal stürzte der Dateimanager sofort ab, und diesmal verschwanden auch alle Desktopsymbole und tauchten leider nicht mehr auf. Reboot tut gut, so dachte ich, und startete die Kiste ganz naiv neu.

Leider kam Linux nicht mehr hoch und so starrte ich minutenlang auf zwei dunkle Monitore ohne Signal. Nach einem weiteren Reboot meldete sich wenigstens das Bootmenü, aus dem ich eine der wichtigsten Recovery-Funktionen von Linux endlich praktisch nutzen konnte: Ich wählte dort den letzten funktionierenden Linux-Kernel vor dem aktuellen aus und startete diesen: Die Erwartung war groß, die Enttäuschung noch größer. Leider kein Linux, nur schwarze Bildschirme. Ich wählte anschließend den vorletzten Linux-Kernel aus, doch auch dieser startete nicht. Hat sich absolut gelohnt, diese super Funktion.

Schließlich doch noch ein Hoffnungsschimmer: Ich konnte im Wiederherstellungsmodus hochfahren, und nach ein paar sperrigen Menüs erschien auch tatsächlich der Linux-Desktop – ohne Grafikkartentreiber, in niedriger Auflösung, und auch nur auf einem Bildschirm. Aha, es geht also doch, nur nicht wie ich will. Da ich mit dem Wiederherstellungsmodus so nicht viel anfangen konnte, und auch nicht wusste, welche gruseligen Kommandos ich diesmal auf der Konsole eingeben musste („autorepair -pls -kthx“ und „fix my linux immediately“ haben beide nicht funktioniert…), entschied ich mich, wieder im normalen Modus hochzufahren. Doch wie erwartet ging nichts.

Ich krabbelte unter den Tisch, öffnete kurzerhand den Rechner und schloss die Windows-Festplatte an. Windows 7 startete einige Sekunden später genauso wie ich es vor zwei Monaten verlassen hatte. Mein Linux-Schiff ist leider untergegangen, damit hat sich das Thema für mich erledigt. Warum Linux so schnell kaputtging? Keine Ahnung, vielleicht habe ich den einen oder anderen bekackten Befehl aus dem Internet zuviel in die Konsole kopiert, und mir das blöde Betriebssystem so zerschossen ohne es zu wollen. Ist mir inzwischen auch egal. Das Ergebnis des Projekts ist für mich klar: Linux im Desktopbereich fängt hoffnungsvoll und beeindruckend an, zeigt dann nach und nach immer mehr fragwürdige Designentscheidungen, Macken, Probleme und Fehler, bis sich irgendwann die Update-Funktion verabschiedet, und kurz darauf das ganze System nicht mehr startet. Ob es sein kann, dass Linux unschuldig ist, und ich vielleicht einfach nur zu blöd war, damit umzugehen? Jeder darf sich selbst eine Meinung darüber bilden, welche der von mir gemeldeten Probleme allein auf meine Unfähigkeit zurückzuführen sind, und welche nicht. Im Grunde war das herauszufinden genau der Zweck der Übung: Wie weit komme ich als (beinahe) kompletter Linux-Anfänger? Leider nicht sehr weit, und damit ist Linux im Desktopbereich aus meiner Sicht disqualifiziert, denn das war die Anforderung.

Oh, doch, ich habe Windows-Installationen zerschossen. Einige! Windows 95 ging mir desöfteren kaputt, Windows 98 noch öfter. Windows ME war bei mir sofort nach der Installation kaputt, und wurde sofort von mir gemieden. Windows 2000 und XP waren endlich WESENTLICH stabiler, und seitdem sind die Ansprüche gestiegen. Damit war es dann auch nicht mehr so leicht, durch Bedienfehler das System zu ruinieren. Gerade Windows 2000 hat einige meiner übelsten Optimierungsversuche unbeschadet überstanden. Und Windows 7 hat die Wiederherstellungspunkte, die bei mir schon mehrmals funktioniert haben: Windows defekt – Wiederherstellungspunkt geladen – alles wieder gut.

Danke Linux, es waren spannende sieben Wochen mit dir, aber wir passen leider nicht zueinander. Du bist mir zu sehr „high maintenance“, dauernd muss ich mich um DEINE Probleme kümmern, so dass ich immer weniger dazu komme, mich den eigenen Dingen zu widmen. Ich hoffe wir können Freunde bleiben, dann sehe ich dich alle paar Monate mal, wenn auf irgendeinem Rechner Linux läuft. Bei mir zuhause eher nicht mehr. Aber wir sehen mal, wie sich die Dinge in den nächsten zehn Jahren entwickeln, vielleicht bist du bis dahin reifer geworden und endlich beziehungsfähig. Und tschüss.

Linux – Erste Ernüchterung

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Einige Wochen ist Linux Mint inzwischen bei mir im Betrieb, und ich muss zugeben, die erste Euphorie hat sich schnell gelegt, und auch von meinem Optimismus ist heute nicht mehr allzu viel übrig. Die ersten Erfahrungen mit dem neuen Betriebssystem sind auch begleitet von erster Ernüchterung über die vielen kleinen und mittelgroßen Steinchen, die es mir in den Weg legt. Im großen und ganzen läuft Linux Mint stabil und arbeitet ordentlich, aber ich bin dennoch nicht der Meinung, dass alles Sonnenschein ist. Ich wollte ursprünglich einen Artikel schreiben über positive und auch negative Aspekte des Betriebssystems, die mir bislang aufgefallen sind, aber die negativen Punkte liegen in einer solchen Vielzahl vor, dass ich alleine daraus einen Artikel schreiben kann. Im Folgenden also eine Liste der Störungen, die mir begegnet sind, geordnet von den schwerwiegendsten, über solche mit dem größten Nerv-Faktor, bis hin zu den unbedeutendsten.

Der Knaller zuerst: Die Linux-Updates funktionieren bei mir schon nicht mehr. Nach einem der letzten Updates zeigte mir Mint plötzlich an, dass die Boot-Partition voll ist, und seitdem scheitern sämtliche Updates. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Boot-Partition wohl nur 500 MB groß ist (hat Mint genau so angelegt, ich habe nichts dergleichen konfiguriert!), und Linux hat das Ding jetzt vollgemüllt und gibt den Platz nicht mehr frei. Super! Es ist erbärmlich für ein Consumer-Betriebssystem, dass es nicht „einfach funktioniert“, sondern im Gegenteil durch falsche Standardkonfiguration garantiert schon nach wenigen Updates die Updatefunktion komplett lahmlegt. Das ist dilettantisch. Dann muss ganz offensichtlich jemand dafür sorgen, dass die Standardkonfiguration eine andere ist. Inzwischen habe ich nachgelesen, dass ich Terminal-Befehle eingeben muss, um das Problem zu beseitigen. Keine GUI-Systemtools oder dringend nötige Betriebssystemautomatismen, die mir diese Arbeit abnehmen. Immer nur Terminalbefehle, um doofe Linux-Probleme zu beheben, die ich in anderen Betriebssystemen erst gar nicht hätte.

Einen Befehl zur Systemreinigung habe ich wieder einmal entgegen meiner Intention aus dem Internet ins Terminal kopiert (irgendwas mit „autoremove“ und „purge“), und sogar DER wirft Fehler („No space left on device“) und die Boot-Partition ist davon auch nicht freigeworden. Die üblichen Zeilen aus den Linux-Foren möge man sich hier als Echo in meinem Kopf vorstellen („Das ist so einfach!“, „Das kann wirklich jeder!“, „Einfach nur diesen Befehl hier eingeben und schon…“). Ich muss jetzt also eine Problemlösung im Internet suchen, um die defekte manuelle Systemreinigung zu reparieren, die nur nötig ist, weil es Mint nicht selbst gebacken bekommt seine Daten richtig zu ordnen? Liebe Ubuntu- und Mint-Entwickler, müssen die Nutzer eures Betriebssystems wirklich ein Informatikstudium absolvieren, damit sie es richtig bedienen können? Das kann doch nicht euer Ernst sein. Das sind Dinge, die das OS selbst verwalten können MUSS! Windows KANN das! Ich kann gar nicht soviel kotzen wie mich das jetzt schon nervt.

Beim Starten des Rechners, wenn ich das Kennwort für die Festplattenentschlüsselung eingeben soll, sind die USB-Geräte dummerweise noch gar nicht aktiv, so dass ich die Tastatur nicht verwenden kann. Ich muss dann den Resetknopf betätigen, damit Linux mir das Bootmenü anzeigt. Anschließend erscheint ein alternativer Bildschirmdialog, der ebenfalls das Kennwort für die Entschlüsselung erfragt – und hier ist die Tastatur zum Glück eingeschaltet und erlaubt die Eingabe. Aber jedes Mal bei einem erneuten Start des Systems muss ich wieder den Resetknopf drücken. Offenbar ist das ein altbekanntes Ubuntu-Problem, das in mehreren Jahren nie behoben wurde, obwohl es als kritisch eingestuft ist: https://bugs.launchpad.net/ubuntu/+source/plymouth/+bug/1386005

Der Filemanager meldet mir in schöner Regelmäßigkeit, dass es ein Problem mit meinem Thumbnail-Cache (Vorschaubildpuffer) gibt, das angeblich nur mit Root-Rechten beseitigt werden kann. Wieso muss der Nutzer mit solchem Kleinkram belästigt werden, und wieso kann das Betriebssystem den Fehler wieder nicht selbst beheben? Windows hat sich noch nie darüber beklagt, aber Linux muss da natürlich so wehleidig sein. Den Nutzer interessiert der Thumbnail-Cache überhaupt nicht, und er will nicht jedes Mal sein Passwort eingeben müssen, wenn – warum auch immer – mal wieder ein Vorschaubildchen kaputt gegangen ist.

Die Thumbnail-Generierung ist ohnehin der allergrößte Schwachsinn, das hätte man sich doch bitte bei Windows abgucken können. Wenn ich unter Linux ein sehr großes Verzeichnis mit tausenden Bildern öffne und irgendwo in die Mitte scrolle, dann berechnet der Dateimanager die Thumbnails. Alle Thumbnails. Von A bis Z berechnet er Thumbnails – minutenlang – und hört auch nicht mehr damit auf, erst wenn er irgendwann fertig ist. Die Festplatte rödelt sich tot, die CPU dreht hoch, es werden unnötig Ressourcen verschwendet. Und das geilste: Das macht er jedes Mal von vorne, wenn ich das Verzeichnis erneut öffne. Nemo berechnet die ganze Zeit Thumbnails für das ganze Verzeichnis und zeigt diese nach und nach an, während die Ansicht dabei permanent nach unten rutscht. Es ist kaum möglich in dieser Bewegung irgendwelche Dateien anzuklicken, weil alles an dir vorbeiscrollt. Wieso reicht es nicht, einfach nur die Thumbnails zu berechnen, die man aktuell im Fenster sehen kann? Große Verzeichnisse werden so automatisch zur Qual. Ich kann auch nicht so einfach zwischen Symbol-, Listen- oder Kompaktansicht hin- und herschalten, denn das dauert jedes Mal 1-2 Minuten, je nach Ordnergröße.

Meine externen Festplatten wurden beim ersten und zweiten Mal nach der Installation automatisch mit eingehängt, danach plötzlich nicht mehr. Scheint doch sehr willkürlich zu sein. Offenbar hängt Linux Festplatten beim Systemstart nicht immer automatisch ein. Ich musste erst einmal recherchieren, wie man Festplatten „manuell automatisch“ einhängen kann. Wieso muss ich Festplatten überhaupt manuell automatisch einhängen, wenn ich sie doch immer angeschlossen habe? Ach Mensch…

Das Tool zur Analyse der Festplattenbelegung funktioniert bei mir nicht richtig: Ich bekomme angezeigt, dass der größte Teil der Festplatte durch ein Verzeichnis „ecryptfs“ verbraucht wird, und darin sind nur …nunja … kryptische Dateien, die viel Platz brauchen. Wieso bekommt das Analysetool die Dateien nur in verschlüsselter Form zu sehen, wo ich im Dateimanager entschlüsselte Daten sehe?

Ich bin absolut kein Fan dieser unsichtbaren Mouseover-Scrollbalken, die Linux Mint überall forciert, also Scrollbalken die nicht sichtbar sind, erst wenn man den Fensterrand erreicht, werden sie eingeblendet. Das große Problem hierbei ist, dass mehrere Programme (wie z.B. Eclipse) den Bereich für die Scrollbalken dadurch nicht mehr RESERVIEREN, sondern als nutzbare Fensterfläche verwenden. Möchte ich also mit der Maus dort den Cursor hinter das letzte Zeichen einer langen Textzeile setzen, klicke ich unabsichtlich auf den vertikalen Scrollbalken, der dort sofort erscheint, weil der Scrollbalken ÜBER DEN TEXT gelegt wird. Es ist also mit der Maus überhaupt nicht mehr möglich, den Cursor an die richtige Stelle zu setzen, weil der Scrollbalken immer im Weg ist. Wer entwickelt so eine dämliche Scheiße?

Ganz zu schweigen von diesen extraschmalen Fenster-Titelleisten, die sich farblich nicht einmal von der Menüleiste unterscheiden und dadurch größer aussehen als sie sind. Möchte ich das Fenster also kurz an der Titelleiste anklicken um es irgendwohin zu ziehen, klicke ich fast immer erst daneben, nämlich in den Bereich der Menüleiste, weil da viel mehr Fläche zum Anklicken ist. Könnte man die Fenster nicht einfach auch im leeren Bereich der Menüleiste verschiebbar machen?

Gelegentlich, mehrmals täglich, flackern alle möglichen Fenster schwarz, manchmal der Desktophintergrund, manchmal der halbe Bildschirm, manchmal nur kleinste Teilbereiche von geöffneten Fenstern. Alle paar Stunden flackert irgendwas für ein paar Sekunden, und hört dann plötzlich wieder auf. Ich müsste Linux dafür nicht unbedingt die Schuld geben, da es vermutlich ein Treiberproblem ist, aber da ich nunmal eine Nvidia-Grafikkarte von der Stange verwende, und den offiziellen Treiber, und da Windows keine solchen Probleme hat, stört es mich doch sehr. Auch ein neuer Nvidia-Treiber hat nichts geändert. Offenbar ein steinaltes Ubuntu-Problem, und offenbar auch nach Jahren noch nicht behoben: http://askubuntu.com/questions/263996/fixing-the-nvidia-graphics-screen-flicker-issue

Manchmal, wenn ich via DRUCK-Taste bzw. mit ALT-DRUCK einen Screenshot anfertigen will, erkenne ich auf dem Bild mehrere merkwürdige schwarze Streifen, bzw. schwarze schmale Blöcke, mittig und rechts, die (offenbar immer an denselben Stellen) Bereiche des Bildes verdecken. Nicht immer, aber immer öfter.

Bei großen Dateitransfers von bzw. auf USB-Platten, bewegt sich der Mauszeiger plötzlich nur noch ruckartig durchs Bild, scheint immer wieder kurz hängenzubleiben, trotz gleichmäßiger Bewegung der Maus. Auch Tastatureingaben scheinen immer wieder für Bruchteile von Sekunden zu hängen, und auch Fenster bauen sich oft erst mit Verzögerung und erkennbar schrittweise auf. Es scheint mir so, dass Linux Probleme mit der Höherpriorisierung von USB-Eingabegeräten bzw. der CPU-Priorisierung hat, und dem Kopiervorgang alles andere unterordnet. Kein großes Problem, aber ein ziemlich dämliches, unnötiges.

Ich bin nicht besonders begeistert davon, wie unrund und ungeschliffen das Betriebssystem in vielen Kleinigkeiten ist. Vieles wirkt irgendwie ambitioniert, aber dann leider nicht ausreichend gut durchdacht. Im Endeffekt kommt alle paar Tage etwas dazu, was mir die ganze Sache noch ungenießbarer macht, mich noch mehr ärgert. Einiges davon mag daher rühren, dass es „nicht wie Windows ist“, und ich mich eigentlich nur richtig daran gewöhnen müsste, andere Probleme, wie die defekte Updatefunktion, die flackernden Fenster, dass die USB-Geräte beim Hochfahren nicht rechtzeitig eingeschaltet werden, und dass das Betriebssystem bei Kopiervorgängen manchmal grundlos herumruckelt, haben definitiv nichts mit meiner Windows-Sichtweise zu tun.

Ich fürchte an dieser Stelle muss ich meine vorschnelle Empfehlung von Linux als Betriebssystem für Windows-Umsteiger zurückziehen. Linux ist tatsächlich NUR Leuten zu empfehlen, die wirklich großen Spaß daran haben, kryptische Befehle aus Foren in das Terminal zu kopieren und Konfigurationsdateien von Hand anzupassen. Für alle anderen, die nicht basteln wollen, für die das Betriebssystem „einfach nur funktionieren“ soll, sind Windows und macOS die WEITAUS bessere Wahl, auch im Jahr 2017, so schwer es mir fällt, das zu bestätigen. Die Linuxer sind stolz darauf, wenn sie ihre geliebten Befehle ins Terminal tippen dürfen, und darum wird sich an der Usability des Betriebssystems vermutlich auch nie etwas ändern.

Softwareentwicklung

Linux – jetzt aber wirklich

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Die zurückliegende Woche war eine, die mich nachdenklich gemacht hat. Der geschätzte Mit-Atarianer und Blogbesucher Frank hat mit Hilfe unserer spannenden E-Mail-Korrespondenz dafür gesorgt, dass ich mich erneut eindringlich mit Linux beschäftigt habe. Schließlich ließ mich das Thema dann tatsächlich nicht mehr los. Sollte ich wirklich die kommenden fünf Jahre auf dem alternden Windows 7 aussitzen und mich erst dann ratlos nach Alternativen umsehen? Ich entschied mich, den Sprung ins kalte Wasser sofort zu wagen. Keine Test-VMs mehr, keine halben Sachen, einfach installieren und los. Und so kaufte ich spontan eine kleine SSD, warf Windows kurzerhand raus und dafür die DVD für Linux Mint 18.1 ein.

So kann ich nun stolz verkünden, dass ich inzwischen windowsfrei bin. Bis jetzt ist mir der Umstieg relativ leicht gelungen, ein paar Stunden Arbeit waren es zwar schon, aber die meisten neuen Tools habe ich mir jetzt zu Eigen gemacht, den Rest kannte man schon lange aus der Windowswelt. Sogar echte Festplattenverschlüsselung verwende ich jetzt. Ein paar Kleinigkeiten fehlen mir hier, aber im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden. Ich möchte in diesem Beitrag auf meine positiven und auch negativen Erfahrungen bisher eingehen.

Zunächst muss ich anmerken, dass die Installation für meinen Geschmack doch noch etwas einfacher sein könnte: So musste ich zunächst entscheiden, ob ich „/dev/sdb“ vor der Installation aushängen will, weil das irgendwelche Nachteile haben könnte. Bitte was? Keine Ahnung, was heißt das? Der unbedarfte Anwender kapituliert hier sofort. Und dann diese UEFI-Warnung, weil Linux erkannt haben will, dass zuvor ein Betriebssystem im alten BIOS-Modus installiert wurde. Auch hier: Keine Ahnung, was mache ich denn kaputt, wenn ich mich falsch entscheide? Ratloses Recherchieren im Internet, das mich am Ende nicht weiterbringt. Dann eben doch der Leap of Faith. Kein Anwender würde hier guten Gewissens weitermachen ohne einen Linux-Profi zu fragen. Und das bei Linux Mint. Das muss nicht sein.

Dann die ersten positiven Überraschungen. Mint bringt ein dickes Softwarepaket als Starthilfe mit: u.a. Firefox, Thunderbird, Pidgin, diverse Medienspieler (z.B. VLC-Player) und Codecs, Libreoffice, GIMP, sogar den BitTorrent-Client Transmission. Mint hat ungefähr einhundert Bildschirmschoner. Sound funktioniert auf Anhieb, Internetzugriff funktioniert auf Anhieb. Nicht so toll: Obwohl Linux meine Grafikkarte korrekt erkennt und scheinbar auch einen freien Treiber dafür hat, startet er im lahmen Software-Renderer-Modus. Der Wechsel auf den Nvidia-Treiber gelingt kinderleicht mit wenigen Mausklicks, und sofort gibt es 2D- und 3D-Grafikbeschleunigung. Super!

Dazwischen stürzt mir Linux das erste Mal ab: Direkt nach der Installation des Nvidia-Treibers fährt Linux nicht mehr hoch – die Eingabe des Entschlüsselungskennworts klappt nicht, der Rechner reagiert gar nicht. Nach einem Hard Reset gehts dann aber zum Glück doch wieder. Und dann der erste kleine Härtetest: 1080p-Videos laufen im VLC-Player absolut problemlos und flüssig. Im alternativen „Xplayer“ dagegen stockt die Wiedergabe leicht, ist also eher nicht zu gebrauchen.

Der nächste Test war deutlich witziger: Mint hat meine beiden anderen NTFS-Festplatten auf Anhieb erkannt und als Datenträger eingehängt. Ich klickte mich so durch die Verzeichnisse und fand einige meiner Windows-Spiele. Die EXE-Dateien werden freundlicherweise mit einem Windows-Symbol dargestellt. Ein Rechtsklick offenbart die Option „Mit Wine starten“. Kurzerhand doppelklickte ich Amnesia – The Dark Descent und das Spiel startete zu meiner gigantischen Überraschung sofort. Ich stellte die Auflösung 2560×1440 ein und spielte einige Minuten. Und ja, ich weiß dass es eine Linux-Version von Amnesia gibt, aber sogar die Windows-Version läuft ohne Schwierigkeiten. Es ist erfreulich und befremdlich zugleich, zu sehen, dass ich Windows-Programme unter Linux starten kann, so als wär das was ganz normales. Wine scheint doch deutlich leistungsfähiger zu sein als ich das vermutet hätte. Ein Blick in die AppDB von Wine offenbart, dass tatsächlich nicht wenige (ganz moderne wie auch sehr alte) Windows-Spiele perfekt (oder nahezu perfekt) mit Wine laufen.

Der Vorteil beim Umgang mit NTFS-Festplatten ist auch, dass mir die fehlenden Dateiberechtigungen nie auf die Nerven fallen. Das ist keinem Anfänger zuzumuten, dass er sich immer erstmal mit der Meldung „Keine Berechtigung“ herumschlagen muss, und für jedes gottverdammte Verzeichnis entscheiden soll, wer darauf Lesen und Schreiben darf. Ich kenne Informatiker, die in solchen Fällen irgendwann keinen Bock mehr haben und einfach flächendeckend „777“ einstellen – also quasi alle Rechte für jeden. Und ich kann sie gut verstehen. Wie oft habe ich stundenlang herumgerätselt, wieso ein bestimmtes Programm nicht startet. Und was war es am Ende? Keine Leserechte für ein popeliges Verzeichnis. Das muss nicht sein.

Der Anwender in mir stört sich nach wie vor sehr an dem unnötig kryptischen Linux-Dateisystem (/mnt/ (Maintenance?), /proc/ (Processor?), /srv/ (Server?), /sbin/ (Super Binaries?) ???), da ist Windows mit seinen sprechenden Namen doch noch weiter, so ungern das die Linuxer hören. Ich hab keine Ahnung was /opt/ (Options?) bedeutet und was da reinkommt. Ich hab Eclipse dort entpackt (und vorher die Berechtigungen anpassen müssen, duh!). Wahrscheinlich war das falsch, keine Ahnung. Es ist nicht intuitiv. Nein, absolut nicht. Man kann sich daran gewöhnen und man kann es auswendig lernen, aber intuitiv wird das nie sein.

Die Anwendungsverwaltung ist der nächste Hit: Die Linux-Fans bringen sie gern als das Top-Argument gegen Windows, wo immer erstmal ein Installer heruntergeladen werden muss. Mit der Anwendungsverwaltung entfällt das händische Updaten der vielen Programme auf dem Rechner, denn die kümmert sich automatisch darum. Dumm nur, dass die Anwendungsverwaltung eben nicht alle Programme kennt, und man dann in Einzelfällen doch wieder im Internet nach Installationsdateien suchen darf – wie unter Windows. Außerdem kam mein Linux Mint mit einer älteren Version von Libreoffice daher (5.1.x), und die Anwendungsverwaltung wollte nicht auf 5.2.5 aktualisieren. Und schlimmer: Sie hat mir Version 3.8 von Eclipse installiert – diese ist fünf Jahre alt! Version 4.6 musste ich also doch wieder von Hand installieren. Das ist einfach schlecht gemacht. So wirklich gut kann das mit den automatischen Updates also nicht funktionieren, wenn fünf Jahre alte Programmversionen als „aktuell“ durchgehen.

Die Konsole ist super. Und zwar nicht, weil ich damit so extrem effizient und schnell arbeiten kann, sondern weil ich sie bisher noch nicht gebraucht habe. Es geht nichts über Konsolenbefehle, damit der Profi sein Ziel in Rekordzeit erreichen kann, sofern er alle Befehle und die Parameterreihenfolge auswendig kann. Aber wenn ein Anfänger, der überhaupt keinen Bezug zu Konsolenfenstern hat, plötzlich gezwungen ist, damit zu arbeiten, weil es keinen Mausklickweg zu einer bestimmten Funktion oder Einstellung gibt, dann ist das einfach nur Mist. Im Jahr 2017 muss es zumindest möglich sein, alles irgendwie mit der Maus zu erreichen. Ja, das ist langsamer, aber es liegt Anfängern näher. Profis werden mir jetzt vehement und wüst schimpfend widersprechen. „Linux muss so sein, das ist auch gut so! Wenn’s nach mir ginge, gäbe es gar keine grafische Oberfläche mehr, bla blub…“.

Anstelle von Firefox versuche ich es jetzt einmal mit dem Vivaldi-Browser. Das ist der geistige Nachfolger des alten Opera-Browsers, der noch auf Funktionsvielfalt und nicht auf hirnlosen Minimalismus gesetzt hat. Ich bin bis jetzt äußerst begeistert davon, da er einige Features mitbringt, die ich sonst meist per Addon nachrüsten muss (Mausgesten, Tabgruppen, Tab-Hibernation, Schnellwahl, Tab-Preview etc.). Ich denke, ich bleibe erstmal dabei.

Wie ist mein Fazit bisher? Linux wirklich als Desktop-Betriebssystem? Als Windows-Ersatz, sogar für Linux-Neulinge? Ja, grundsätzlich schon – wenn es denn auf Anhieb funktioniert. Leider ist das nicht immer der Fall. Fehlender Sound, fehlende Grafikbeschleunigung, Linux fährt direkt nach der Installation nicht mehr hoch, Probleme mit Dateiberechtigungen … alles schon erlebt, und schon muss man wieder ins Linux-Forum und darf die doofe Konsole aufmachen. Die Liste potentieller Probleme ist lang. Mit Standard-Hardware hat man es zum Glück leichter. Ein einmal eingerichtetes Linux ist dagegen eine echte Erleichterung und Freude, umgewöhnt hat man sich schnell. Man muss sich zwangsläufig ein paar neue Tools suchen, und auch bei den Spielen muss man natürlich einige Abstriche machen, aber Wine federt das ganze schon deutlich ab. Alles andere funktioniert wie man es kennt: Surfen im Internet, E-Mails abrufen, Musik hören, Filme schauen, ein bisschen Grafikbearbeitung und Softwareentwicklung, das alles ist kein Problem.

Bis jetzt bin ich wirklich zufrieden und auch überrascht davon, wie gut es funktioniert. So kann es meinetwegen bleiben. Ich werde in ein paar Wochen einen weiteren, etwas fundierteren Erfahrungsbericht abliefern. Sicherlich werden mir noch mehr Probleme auffallen, über die es dann zu berichten gilt.

Die schwarze Liste von GOG

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Aus aktuellem Anlass möchte ich mich über ein Thema auskotzen, das mich schon ziemlich lange wirklich nervt. Der skandalträchtigste Egoshooter der 90er Jahre – direkt nach Doom – dürfte Duke Nukem 3D gewesen sein, welcher nun (genau wie Doom) jüngst auf Antrag des derzeitigen Rechteinhabers vorzeitig vom berüchtigten Index der BPjM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) gestrichen wurde. Für wie sinnlos und ungerecht ich ein solches Verkaufs- und Werbeverbot in Deutschland halte, und wie selbstentlarvend es ist, dass die Damen und Herren von der Prüfstelle sich erst durch einen Aktenkoffer mit Geld dazu überreden lassen, überhaupt eine neuerliche Prüfung des indizierten Produkts zuzulassen (denn tatsächlich wird sonst erst nach völlig absurden 25 Jahren erneut geprüft!), darüber werde ich hier in diesem Artikel nicht diskutieren. Das ist Deutschland. Das ist ein Thema für sich.

Das schlimmste am Jugendschutz in Deutschland war schon immer, dass Erwachsene dadurch „zwangsgeschützt“ werden. Er sollte auf mich nicht zutreffen: In nicht mehr allzu ferner Zukunft werde ich zweimal volljährig, ich habe keine Kinder, und auch keinen Kontakt zu irgendwelchen Kindern oder Jugendlichen. Dennoch behindert mich der Jugendschutz quasi jeden Tag, meistens beim Kauf von Filmen und Spielen. Ich kann ihn nicht einmal ausschalten. Schlimmer noch, der Jugendschutz eröffnet teilweise neue Einnahmequellen für Händler: So verlangt Amazon etwa beim Kauf von USK/FSK18-Artikeln grundsätzlich einen dicken Aufpreis von fünf Euro – man könnte glauben, es sei ein Gefahrenzuschlag wegen des Transports von Gefahrgut. Und natürlich muss ich persönlich mit Personalausweis an die Tür kommen, ich kann es nicht irgendwo abstellen lassen, um es später bequem abzuholen. Es könnte ja ein scheiß Jugendlicher klauen und sich daran seine zarte Seele verbrennen. Wär ja schade drum. Grund genug, solche Artikel woanders zu kaufen, dann spart man sich solche Schikanen.

Aber auch das ist nicht das Thema, denn zumindest kann ich solche Produkte noch mehr oder weniger beschwerlich erwerben. Anders sieht es mit indizierten Spielen bei den international führenden Spieledistributionsplattformen Steam und GOG aus (und mit Sicherheit nicht nur da): Indizierte Spiele gibts da nicht. Wer mich kennt, weiß, dass ich eine gewisse Abneigung gegen Steam habe, und dafür ein Wohlwollen für GOG empfinde. Das Steam-DRM ist eine der scheußlichsten Erfindungen der letzten Jahrzehnte im Bereich PC-Spiele, während sich GOG, das sich von Beginn an DRM-Freiheit auf die Fahne geschrieben hat, mit seinem (bisher zum Glück) kompromisslosen Grundsatz bei mir problemlos einschmeicheln konnte. Es gibt zwar nicht unbedingt wenige andere, die wie ich denken, aber im Allgemeinen löst meine Sichtweise natürlich mehr Kopfschütteln als Verständnis aus. Die unkritische „Wir haben doch nichts zu verbergen“-Fraktion eben.

Dennoch ärgert auch GOG mich zuweilen sehr. Schon vor Jahren hielt ich in einem Artikel fest, wie sehr es mich stört, dass GOG falsche, oder zumindest unehrliche Angaben bezüglich der Hardwareanforderungen macht: DOSBox als Emulationsumgebung sollte auf den Store-Seiten gekennzeichnet sein müssen. In meinen Augen ist das ein wichtiges Kaufkriterium. Doch auch der Umgang mit indizierten Spielen ist bei GOG und Steam äußerst schlecht: Mit einer deutschen IP gibt es für dich ganz einfach keine indizierten Spiele. Scheißegal wie alt du bist. Basta. Du kannst sie nicht nur nicht kaufen, sie werden sogar vor dir verheimlicht: Früher bekam man eine 404-Fehlerseite zu sehen, heute wird man einfach ungefragt umgeleitet. Beides ist so dermaßen ätzend und verlogen, dass mir das Essen hochkommt. Der HTTP-Statuscode 404 („Nicht gefunden“) ist für Geolocks ohnehin absolut unpassend, denn erwiesenermaßen existiert die Seite (dafür gäbe es Statuscode 403, oder neuerdings den Statuscode 451 – „Aus rechtlichen Gründen nicht verfügbar“).

Ganz egal wie die Regionalsperre umgesetzt ist, für eine ehrliche Fehlerseite sind die Kunden den Anbietern nicht wichtig genug. GOG und Steam lügen die Nutzer kackdreist an, behaupten stur, es gäbe das Spiel dort überhaupt nicht. Auch die Suchfunktion der beiden Plattformen unterschlägt Suchergebnisse, tut so, als habe man in der Datenbank nichts Passendes finden können. Das ist etwas, das ich mir als jemand der es besser weiß, ungern gefallen lasse. Immer öfter liest man Beiträge in Foren wie „Ich verstehe gar nicht wieso es heute noch Raubkopien gibt – Es gibt doch heute alles ständig im Sale.“ Tja, vermutlich auch weil die Anbieter uns vorgaukeln, dass sie bestimmte Spiele nicht haben.

Im folgenden eine Liste der Spiele bei GOG, die in Deutschland aktuell gesperrt sind bzw. bis vor kurzem noch waren. Wer sich wundert: Die URLs sind nachweislich alle in Ordnung und über Google auffindbar (GOG + Spielename), aber für Internetnutzer aus Deutschland leider nicht erreichbar. Die Informationen habe ich aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen.

https://www.gog.com/game/aliens_versus_predator_classic_2000
https://www.gog.com/game/blake_stone_aliens_of_gold
https://www.gog.com/game/blood_2_the_chosen_expansion
https://www.gog.com/game/bloodrayne
https://www.gog.com/game/bloodrayne_2
https://www.gog.com/game/cannon_fodder
https://www.gog.com/game/carmageddon_max_pack
https://www.gog.com/game/carmageddon_2_carpocalypse_now
https://www.gog.com/game/the_chaos_engine
https://www.gog.com/game/commandos_ammo_pack
https://www.gog.com/game/commandos_2_3
https://www.gog.com/game/dying_light_the_following_enhanced_edition
https://www.gog.com/game/far_cry
https://www.gog.com/game/gun
https://www.gog.com/game/harvester
https://www.gog.com/game/killing_time
https://www.gog.com/game/kingpin_life_of_crime
https://www.gog.com/game/lucius
https://www.gog.com/game/medal_of_honor_allied_assault_war_chest
https://www.gog.com/game/mortal_kombat_123
https://www.gog.com/game/one_unit_whole_blood
https://www.gog.com/game/painkiller
https://www.gog.com/game/phantasmagoria_2
https://www.gog.com/game/postal_classic_and_uncut
https://www.gog.com/game/postal_2_complete
https://www.gog.com/game/quake_ii_quad_damage
https://www.gog.com/game/quake_iii_gold
https://www.gog.com/game/red_faction (seit kurzem wieder verfügbar)
https://www.gog.com/game/red_faction_2 (seit kurzem wieder verfügbar)
https://www.gog.com/game/redneck_rampage_collection
https://www.gog.com/game/return_to_castle_wolfenstein
https://www.gog.com/game/rise_of_the_triad__dark_war
https://www.gog.com/game/rune_classic
https://www.gog.com/game/shadow_warrior_complete (seit kurzem wieder verfügbar)
https://www.gog.com/game/sin_gold
https://www.gog.com/game/singularity
https://www.gog.com/game/star_wars_dark_forces
https://www.gog.com/game/total_overdose_a_gunslingers_tale_in_mexico
https://www.gog.com/game/unreal_tournament_2004_ece
https://www.gog.com/game/unreal_tournament_goty
https://www.gog.com/game/wolfenstein_3d_and_spear_of_destiny

Bei einzelnen dieser Spielen (The Chaos Engine?) muss ich mich ohnehin fragen, welcher Geisteskranke je seine Unterschrift dafür geleistet hat, die Indizierung einzureichen.

Das ist das Ziel der Destiny

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Zuerst zehn Staffeln SG-1, danach fünf Staffeln Atlantis und nun gerade mal noch zwei Staffeln für Stargate: Universe. Offenbar wird die Länge jedes in Folge produzierten Stargate-Ablegers (ganzzahlig) immer weiter halbiert. Wenn je eine weitere Serie käme, sollten sich die Fans auf eine einzelne, aber wahrscheinlich spannende Staffel in ihrem Lieblingsuniversum einstellen. Bis dahin kann ich immerhin von mir behaupten, alles an offiziellem Film- und Serienmaterial zu Stargate gesehen zu haben. Zuletzt die beiden Staffeln des leider vorzeitig abgesetzten „SGU“, die von 2009 bis 2011 produziert wurden.

Während es in SG-1 noch fast vollständig um Reisen durch das Stargate ging, und schon in Atlantis immerhin gut zur Hälfte mit Raumschiffen gereist wurde, führt SGU diese Entwicklung konsequent fort: Hier geht es im Prinzip nur noch um ein Raumschiff: Die Destiny. Klar, ein mobiles Stargate hat die Destiny auch, aber im Kern wird jetzt die Geschichte von Star Trek: Raumschiff Voyager neu erzählt: Durch einen blöden Zwischenfall landen rund einhundert Menschen auf dem Antiker-Kreuzfahrtschiff „Destiny“, das seit endlosen Zeiten irgendwo (unbemannt mit Autopilot) am anderen Ende des Universums unterwegs ist, um … ja, was eigentlich? Jedenfalls gibt es für die Gestrandeten absolut keinen Weg mehr zurück, also machen sie das Beste daraus, und das mysteriöse, unerforschte Schiff zu ihrem neuen, leicht gruseligen Zuhause. Irgendwann wird man doch bestimmt mal bei der Erde vorbeikommen und abspringen können.

Zu den Hauptfiguren der Serie gehört Colonel Young, sozusagen der Papa Schlumpf, der versucht, die Ordnung auf dem Schiff mit Hilfe seiner provisorischen Militärregierung aufrechtzuerhalten, während der Widerstand dagegen mit der Not wächst. Die Serie lebt lange Zeit von den Konflikten zwischen dem Militär und den Zivilisten, bzw. Wissenschaftlern, die nicht immer dieselben Interessen haben. Der große Gegenspieler von Young ist Dr. Rush, der geniale Wissenschaftler, gespielt von Robert Carlyle, neben Lou Diamond Phillips der womöglich bekannteste Darsteller in der Serie. Daneben gibt es noch das etwas beleibte Wunderkind Eli: Ganz egal wie knapp die Nahrungsvorräte sind, Eli behält seinen Winterspeck. Young und Rush müssen mehr oder weniger gemeinsam daran arbeiten, die vielen Ziele der unfreiwilligen „Mission“ unter einen Hut zu bringen: Das Überleben der Menschen auf dem Schiff sicherstellen, den Autopilot ausschalten, einen Weg nachhause finden, das Schiff erforschen und reparieren, sich gegen Angreifer verteidigen, und noch so einiges mehr. Bei all dem Stress kann man sich schonmal gegenseitig an die Gurgel gehen.

Stargate: Universe macht für mich im Gegensatz zu den ersten beiden Serien etwas Entscheidendes richtig: Die Produzenten haben endlich aufgehört, die Serie pausenlos mit unangebrachten Witzen aufzulockern. Jede aufkeimende Ernsthaftigkeit wird in SG-1 und Atlantis sofort ruiniert, jede noch so gefährliche Situation sofort durch einen dämlichen Schenkelklopfer entschärft. Nein, SGU ist endlich so viel düsterer, viel deprimierender, viel „logischer“. Man sieht den Leuten an, dass die Situation scheiße ist. Die Menschen haben Heimweh, gehen sich irgendwann mächtig auf die Nerven, verdächtigen sich gar gegenseitig. Paranoia, Meuterei, Sabotage und Mord! Niemand hatte das Bedürfnis, die Zuschauer ständig mit Humor aufzumuntern, weil es gar keinen Grund dafür gibt. Oh, es gibt Humor in SGU, aber in kleinerer Dosis, und dezent platziert. Auch bin ich mehr als froh darüber, dass die Serie diesmal kein albern heroisches Intro bekommen hat, das die tapferen Soldaten stets in Aktion gegen außerirdische Bedrohungen zeigt, sondern nur ein ganz schlichtes Logo. Es ist wirklich erfrischend.

Die Serie endet leider nicht ganz regulär, es bleiben sehr viele Fragen offen, zum Beispiel wohin die Destiny eigentlich genau unterwegs war. „Es ging nie darum nachhause zu kommen, es geht darum ans Ziel zu gelangen.“, deutet man desöfteren an, aber das ist so geheimnisvoll wie nichtssagend. Die USS Voyager kam nach ganzen sieben Staffeln verloren im Delta-Quadranten wortwörtlich fünf Minuten vor dem Serienfinale zuhause an, zum Glück hat man ähnliches nicht mit SGU versucht. Insgesamt gefällt mir die Serie deutlich besser als SG-1 und Atlantis, aber mit der Meinung stehe ich wie immer ziemlich alleine da. Die Stimmung passt viel besser zum Setting, und die Serie nervt nicht ganz so sehr mit dem üblichen spirituellen Scheiß, auch wenn es sich in einzelnen Episoden wohl doch nicht vermeiden ließ.

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