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Zum Jahreswechsel wird es nicht allein das alte Jahr sein, das mich verlässt, auch von einem ziemlich alten Wegbegleiter werde ich mich für immer trennen müssen. Ja, es war eine schöne Zeit. Wir beide haben vieles erlebt. Lange habe ich meinem ersten richtigen und eigentlich bis heute einzigen Instant Messenger die Treue gehalten. Viel länger als die meisten Personen auf meiner Kontaktliste, die zu ihren besten Zeiten weit mehr als 200 Einträge enthielt. Meine letzten Kontakte auf dem sinkenden Schiff haben sich irgendwann zwischen 2014 und 2018 verabschiedet, aber der Löwenanteil ging bereits lange vorher. In den letzten Monaten waren oft nur noch zwei Personen gleichzeitig online. Doch nun scheint es endgültig vorbei zu sein, jedenfalls für mich, und das will schon einiges heißen.

Mein geliebter ICQ-Account ist gestorben, oder genauer gesagt, wurde zwangsweise eingeschläfert. Die Ankündigung ging bereits vorgestern durch diverse Tech-Medienportale: Ein Protokollwechsel wird ab sofort eine Anmeldung mit Fremdclients verhindern. Wer ICQ weiterhin nutzen wollen würde, bräuchte dafür den offiziellen Client. Und wer würde das schon wollen, denn jeder ICQ-Enthusiast weiß, dass der werbeverseuchte offizielle ICQ-Client (nach ICQ Pro 2003b!) völlig unbrauchbar war. Miranda, Trillian, Pidgin, QIP und diverse andere waren die Antwort auf dieses bekannte Problem. Aber das alles war einmal. Nun ist also auch für mich hier Endstation. Ein wenig traurig darüber bin ich schon, denn es ist mehr als bloße Gewohnheit, dass bei mir ICQ immer im Hintergrund lief, auch wenn ich es in den letzten Jahren kaum noch tatsächlich für richtiges Chatten nutzte. Es wird also Zeit für einen kleinen Nachruf.

Meine ICQ-UIN 44683442 erblickte am Samstagmittag, den 24. Juli 1999, um 11:50 Uhr das Licht der Welt, kurz nach meinem 15. Geburtstag. Und witzigerweise habe diese ICQ-Nummer nicht einmal ich selbst angelegt, sondern mein Vater. Der hatte zu jener Zeit diverse E-Mail-Bekanntschaften, die ihn wohl auf das wunderbare Programm Mirabilis ICQ hingewiesen hatten. So installierte er den Messenger auf unserem Familien-PC unter Windows 98, demonstrierte mir die Funktionen und die Kontaktsuche, und sorgte dafür, dass ich ebenfalls einen eigenen Account anmeldete. Was ich damit anfangen sollte, wusste ich zunächst nicht, denn mit so einer leeren Kontaktliste ist das Chatten natürlich nur halb so witzig. Auch mein Vater verlor schon bald wieder das Interesse, aus mehr oder weniger demselben Grund. Erst Ende des Jahres 2000 wurde ich erneut auf ICQ hingewiesen. Meinen eigenen Account hatte ich bis dahin längst vergessen, und so erstellte ich mir kurzerhand einen neuen, diesmal einen mit einer wesentlich größeren Nummer. Diesmal war alles besser: Viele Online-Bekanntschaften, Schulfreunde, Familie, sogar den einen oder anderen Promi konnte ich im Lauf der Zeit „adden“. Meine Kontaktliste füllte sich überraschend schnell, und bald blinkten oft ein halbes Dutzend Chat-Fenster gleichzeitig an meinen fest vereinbarten Online-Abenden (Ja, das Internet war damals noch teuer und langsam!). An guten Tagen sogar noch mehr. Aus meinem Zimmer schallten allerhand merkwürdige Geräusche, darunter das altbekannte Schiffshorn, der verzerrte Happy-Birthday-Gitarrenriff, laute Schreibmaschinentippgeräusche, und stundenlang „Uh Oh!“ Es gab viel zu besprechen.

Wenige Jahre später, wahrscheinlich so 2002 oder 2003, als das DSL-Zeitalter endlich auch bei uns begonnen hatte, erinnerte ich mich beiläufig an die alten ICQ-Accounts meines Vaters und von mir. Eine kurze Suche bestätigte: Ja, die gibts sogar noch. Und ein paar Mausklicks später konnte ich mir über die „Passwort-vergessen“-Funktion beide Accounts zurückholen. Ich wechselte in der Folge auf die alte, achtstellige ICQ-Nummer meines Vaters, denn wie die bereits erwähnten ICQ-Enthusiasten ebenfalls wissen: Kurze ICQ-Nummern sind elitär, und zeigen, dass wir schon ICQ benutzt haben, lange bevor es cool wurde. Das merkte man schon daran, dass man lange Zeit besonders kurze ICQ-Nummern bei Ebay ersteigern konnte. Dass ein Großteil dieser sehr kurzen und gar nicht mal so günstigen ICQ-Nummern von gehackten und geklauten Accounts stammte, konnte ja keiner ahnen.

Mein Miranda-Client kann sich seit heute morgen, Sonntag, den 30. Dezember 2018, nicht mehr anmelden. Aus und vorbei, einfach so, nach 19 1/2 Jahren. Meine ICQ-Nummer ist also immerhin volljährig geworden! Nun, genau genommen wird meine ICQ-Nummer wohl auch ohne meine Beteiligung noch mit Hilfe lebensverlängernder Maßnahmen beim Betreiber klinisch am Leben erhalten, aber der Hirntod ist längst eingetreten, es gibt keine Aussicht auf Genesung. Du wirst mir wirklich fehlen, ICQ. Die Öffentlichkeit hat dich wegen Social-Media-Rotz wie StudiVZ, Wer-kennt-wen und Facebook nach und nach fallengelassen. Dazu kamen ungeschickte Besitzerwechsel deinerseits, und der ruinierte offizielle ICQ-Client, den wirklich niemand mehr haben wollte.

Ach, was haben wir in all den Jahren erlebt, mein ICQ und ich. Zum Beispiel damals, im Februar 2006, in meinen Semesterferien, kurz bevor StudiVZ in Deutschland so richtig abhob, als mich aus heiterem Himmel ein Mädchen aus meiner Stadt angeschrieben hatte. Sie saß gerade im Computerraum ihrer Schule und langweilte sich furchtbar. Sie fragte mich, ob ihr Lehrer denn sehen könne, was sie da so heimlich schreibe. Wir trafen uns, verliebten uns. Im Sommer waren wir dann plötzlich fest zusammen. Nicht besonders lange, aber immerhin. Ich glaube wir haben den größten Teil unserer kurzen Beziehung über ICQ geführt, sogar unseren letzten sinnlosen Streit. Den die Ziege völlig grundlos angefangen hat. Ja, das war schon eine sonderbare Zeit.

Und jetzt? Jetzt gibt es doch längst WhatsApp, werden mir die Leute bereitwillig erklären, das doch heute angeblich soviel besser ist als ICQ je war. Aber die Wahrheit ist, WhatsApp & Co sind allesamt überhaupt kein Ersatz für ICQ. Es gibt nämlich keinen Ersatz für ICQ. Glaubt ihr nicht? Dann schaltet doch mal euer Smartphone aus und installiert euch WhatsApp auf dem Windows-PC, Mac oder unter Linux. Denn mit der Computertastatur chattet es sich sowieso viel leichter und schneller als auf einem Touchscreen. Was hör ich da? Ach das geht gar nicht? WhatsApp kann man nicht standalone an einem PC benutzen? Das ist aber schade. Ach, bei den ganzen anderen tollen Messengern geht das auch nicht? Krass, was für ein immenser technischer Fortschritt, da bin ich echt baff. Ja, das ist ja ganz schön dumm, dass der WhatsApp-Account allein an die Handynummer gebunden ist, auf die nur mein Mobilfunkanbieter Einfluss hat. Es scheint also, als wäre es heutzutage schon zuviel verlangt, einen ganz simplen Client anzubieten, den man auch ohne Mobiltelefon ganz normal am PC benutzen kann. So wie ICQ halt. So wie früher halt. Aber wer will das schon? Ich habe ICQ jahrelang auch am Handy benutzt, und es war völlig ok. Aber das war ja schon zu der Zeit, als die Menschen zu Facebook abgewandert sind.

Danke ICQ, dass du für mich da warst. Danke für die vielen tollen Leute, mit denen ich in all den Jahren in Kontakt gekommen und jahrelang in Kontakt geblieben bin. Danke, dass du mir eine zauberhafte Welt der Instant Messenger eröffnet hast, so wie es danach nie wieder war und wahrscheinlich nie wieder sein wird. Dass deine aktuellen Besitzer dir jetzt offiziell den Gnadenschuss verpassen, indem sie auch die letzten verbliebenen Nutzer aussperren – es ist vielleicht besser so, denn alte Gewohnheiten legt man ungern ab. CU, ICQ!

Oder auch: „Besseres Nutzererlebnis“. Wenn heute irgendwo dieser perfide Ausdruck fällt, ist das nichts anderes als eine blumige Umschreibung für schamlose Datenschnüffelei bzw. unkontrolliertes Sammeln von Nutzerdaten. Egal ob es Microsoft, Google, Apple, Facebook oder ein beliebiger anderer Internetkonzern ist, sie alle durchleuchten uns, übertragen unsere Daten auf ihre Server, leiten sie ungeniert an ihre Werbekunden und an alle möglichen Behörden weiter, und dann bezeichnen sie das öffentlich als wichtige und notwendige Maßnahme für eine „verbesserte Benutzererfahrung“. Wenn mal eine solche Spionage-Funktion dermaßen über die Stränge schlägt, dass negative Berichterstattung in der Presse droht, dann war es nur „ein Programmfehler“, oder eine „versehentlich aktivierte Testfunktion“. Eine versehentlich aktivierte Nutzer-Überwachungs-Testfunktion also. Alles gut, niemand kam zu schaden, sie haben nur zuviele Daten über uns gesammelt. Versehentlich. Kann passieren.

Schlimmer noch: Besagte Konzerne haben ihre Nutzer derart abhängig von sich gemacht und über Jahre konditioniert, so dass die Leute teilweise jene Überwachungspraktiken öffentlich in Foren mit Begeisterung verteidigen. Deutlichste Konsequenz hieraus: Früher mussten Programme noch heimlich Daten sammeln, heute macht kein Entwickler mehr einen Hehl daraus, alle geben es offen zu. Noch besser: Sie geben es nicht nur zu – sie verkaufen es uns als großes Feature. Die verbesserte Benutzererfahrung eben. Wir haben ja nichts zu verbergen. Und „macht doch sowieso jeder, also wieso sollte [Microsoft|Google|Apple|Facebook|…] das nicht auch dürfen?“. Die Leute leiden alle am Stockholm-Syndrom, könnte man meinen. Wer Kritik an der Datenschnüffelei äußert, wird angepampt, belächelt, verspottet. Die Aluhutträger sollen doch endlich die Klappe halten. Solche Spaßbremsen!

Wer ein Smartphone besitzt – egal welches -, darf sowieso keine Kritik äußern: Nur wer im Wald bei den Tieren lebt und sich von Beeren und Nüssen ernährt, darf überhaupt Überwachung kritisieren, sonst ist er natürlich ein Heuchler und muss beleidigt werden. Durch diese Überwachungsverherrlichung bekommen die Schnüffler gewaltigen Auftrieb, und bauen noch mehr solcher Funktionen ein, weil sich niemand dagegen wehrt. Mehr Daten bringen mehr Geld. Die meisten akzeptieren heute, dass ihr Betriebssystem im Hintergrund immer mehr „Telemetrie“-Dienste laufen lässt, die permanent Nutzungsstatistiken aufzeichnen und nachhause übermitteln. Alles für ein besseres Nutzererlebnis.

Die beste Benutzererfahrung

Eine fatale Gleichgültigkeit lässt sich mittlerweile sogar unter Techies beobachten, wenn wieder mal irgendwo ein Datenschnüffelskandal enthüllt, ein gigantischer Datendiebstahl aufgedeckt wird. Dass die PR-Abteilungen für solche Vorfälle schon perfekte Antworten parat haben, ist dann die fehlende andere Hälfte der Miete. Warum soviele Daten überhaupt erhoben und gespeichert werden mussten? Pfff… „500 GB Nutzerdaten geleakt! Irgendwie doof. Was solls, nochmal passiert uns das nicht. Vertraut uns einfach weiterhin, wir sammeln auch nur noch die aller aller notwendigsten Nutzerdaten!

So gut wie kein Mensch weiß, was Windows wirklich an Daten sammelt, und mehr oder weniger heimlich versendet. Nachdem bei Windows 10 zu Beginn der Widerstand gegen die Zwangsüberwachung wohl doch noch unerwartet groß wurde, lenkte man beim Hersteller irgendwann ein, und fügte ein paar homöopathische Software-Schalter hinzu, die den Anwender beruhigen sollen. Das soll dem Nutzer vorgaukeln, er habe die Kontrolle über seine Daten, und er könne „sein“ Betriebssystem davon abhalten, ihn auszuhorchen. Französische Datenschützer haben sich jüngst gegen Microsoft gewehrt, und öffentlich beklagt, dass zuviele Daten gesammelt würden. Microsoft hatte dafür vollstes Verständnis und hat natürlich sofort die Benutzererfahrung verbessert: Windows 10 tut seitdem so als würde es etwas weniger Daten sammeln. Die Franzosen können jetzt wieder ruhig schlafen.

In 20 Jahren gibts keine Personalausweise mehr – die Menschen kommen dann mit lebenslang gültigen, unkündbaren Facebook- und Google-Accounts zur Welt. Offenbar gehöre ich mit meiner argwöhnischen Haltung zur Technik längst zu den Dinosauriern. Klar, kann man mir vorwerfen, ich sei zu paranoid. Man kann mir vorwerfen, dass ich furchtbar übertreibe. Man kann sich selbst immer wieder sagen, dass doch alles nicht so schlimm ist, und dass die nur das beste für uns wollen. Aber ich glaube nicht, dass es so ist. Datenschutz und Datensouveränität sind uncool, Überwachung liegt voll im Trend. Auch die Bundesmerkel und der Terror-Thomas proklamieren heute, dass unsere Daten nicht mehr uns gehören: Datensparsamkeit ist ein Fehler, unsere Wirtschaft braucht ganz dringend unsere Daten um international konkurrenzfähig zu bleiben! Vielleicht sollte ich ganz einfach meine eigene Benutzererfahrung verbessern, mir ein Abhörgerät und eine Kameradrohne beschaffen, und damit Nutzerdaten über das Privatleben aller meiner Nachbarn sammeln. Ach, ich als Privatperson darf sowas gar nicht? Sehr interessant.

Seit Monaten plane ich einen ausführlichen Artikel darüber, wie gespannt ich auf die Veröffentlichung der finalen Version der Oculus Rift bin. Nie zuvor war eine Virtual-Reality-Brille derart ausgereift und die Illusion so glaubwürdig wie bei diesem Gerät. Dazu trägt auch die immer realistischer werdende Grafik der 3D-Engines bei, die an manchen Stellen bereits einen Hauch von Fotorealismus zu haben scheint. Mit der Oculus Rift wäre es zum ersten Mal möglich gewesen, ein völlig neues Spielgefühl zu erfahren, das Gefühl zu haben, in eine andere Welt einzutauchen. Zum ersten Mal könnte man glatt enttäuscht sein, wenn man die Brille schließlich wieder absetzen muss, und sich in seinem Wohnzimmer wiederfindet. Was könnten Half Life 2, Crysis oder Amnesia für ein Erlebnis mit solch einem Instrument sein. Ich wagte kaum, es mir auszumalen. Meine Vorfreude war riesengroß.

Nun könnte ich darüber schreiben, wie riesengroß meine Enttäuschung darüber ist, dass Oculus VR sich ausgerechnet von Facebook hat kaufen lassen. Sony, Microsoft, Nvidia, AMD, Google, Valve, Samsung, meinetwegen Amazon oder Apple, alles wäre mir lieber gewesen als Facebook. Wieso nur Facebook? Es ist zum Heulen. Die Facebook VR-Brille werde ich mir ganz sicher nicht kaufen. Ich setze inzwischen große Hoffnungen in eines der zahlreichen Konkurrenzprodukte, die sicher zeitnah erscheinen werden. Vielleicht veröffentlicht Valve ja doch noch seinen Prototypen, der ja offenbar nicht so schlecht gewesen sein kann. Ansonsten bleibt zum Beispiel Sony, sofern sie nicht exklusiv für die PS4 entwickeln. Oculus ist für mich nun gestorben, bevor sie überhaupt geboren waren.

Oder vielleicht sollte ich darüber schreiben, wieso ich mir die Diablo 3 Erweiterung „Reaper of Souls“ nicht kaufe. Das Hauptspiel Diablo 3 fand ich zunächst sehr teuer. Aber für den Inhalt, den es mitgebracht hat, konnte ich mit dem Preis gerade noch leben. Das Addon aber ist für den Gegenwert, den man erhält, absoluter Wucher: Ein einzelner neuer Spielakt und eine lausige neue Charakterklasse. Und ich kenne trotzdem einige, die Blizzard debil grinsend ihr Geld hinterhergeworfen haben. Die hätten auch ihre Großmutter für eine neue Charakterklasse verkauft. Wieso auch nicht. Ich schätze ich bin einer von denjenigen, die Diablo 3 sogar ziemlich viel gespielt haben (mein fünfter Charakter ist inzwischen auf dem Weg zu Level 60), aber mir ist das Addon das viele Geld einfach nicht wert. Wenn es allerdings mal für einen Fünfer in der Softwarepyramide zu haben sein sollte, dann greife ich vielleicht zu. Vorher sicher nicht.

Aber nein, eigentlich wollte ich über etwas Positives schreiben. Ich habe mich für eine Fortsetzung meiner kleinen Artikelreihe über mehr Privatsphäre entschieden. Wer absolute Privatsphäre will, müsste wohl als Einsiedler in einer Höhle in den Bergen leben, aber man kann zumindest versuchen einen Kompromiss zu finden, und es den Datensammlern immerhin etwas schwerer machen. Google zum Beispiel ist bekanntlich der letzte Endgegner in Sachen Datensammelei, also mal von der NSA als staatliche Institution abgesehen. Wer sich traut, hinter die Kulissen seines Google-Accounts zu blicken, und seine Suchanfragen-Chronik kurz überfliegt, der könnte schnell blass werden. Sogar die Bilder, die wir irgendwann über die Google-Bildersuche gefunden und einmal angeklickt haben, werden dort gespeichert. Und selbstverständlich ist das gerade die Spitze des Eisbergs. Was Google insgeheim an Verknüpfungen unter diesen Datenmengen durchführt, davon bekommen wir nur wenig mit. Ich schätze wir haben nicht die geringste Vorstellung.

startpageVor Wochen hat mir ein Kollege mit ausgeprägtem Bewusstsein für Privatsphäre im Netz die Metasuchmaschine startpage.com empfohlen. Diese macht nichts anderes als deine Suchanfragen an Google weiterzureichen, allerdings so, dass Google diese nicht mehr mit deinem Google-Konto verknüpfen kann. Startpage anonymisiert die Internetsuche endlich wieder, so wie das eigentlich sein sollte. Einziger Wermutstropfen: Die Bildersuche von startpage ist nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Google selbst liefert deutlich bessere Ergebnis. Doch längst habe ich Startpage zur Standardsuchmaschine in meinem Browser gemacht, und ich kann mich bislang nicht beschweren.

Wer sich nicht unbedingt auf Google als Suchmaschine beschränken möchte, kann stattdessen auf Ixquick zurückgreifen, welches im Gegensatz zu Startpage seine Daten aus mehreren anderen Suchmaschinen bezieht, aber ebenfalls völlig anonym. Das mag nun zwar nicht der ultimative Befreiungsschlag aus der Abhängigkeit der großen Datenschnüffler sein, aber es ist wieder ein kleiner Schritt in die richtige Richtung: Anonymisierung. Bleibt zu hoffen, dass der neue Suchmaschinendienstleister nicht selbst ein heimlicher Datensammler ist, aber so ein winziges Grundmaß an Vertrauen muss man am Ende doch mitbringen, sonst bleibt wohl nur die Höhle in den Bergen.

threemaFür dieses Jahr hatte ich mir vorgenommen, mir über Sicherheit und Privatsphäre im Netz ein bisschen mehr Gedanken zu machen, und nicht mehr weiter mit dem Strom zu schwimmen. Zur Not muss man eben auch mal die bequemen ausgetretenen Pfade verlassen, um das Richtige zu tun. Es muss sich etwas ändern, wenigstens in kleinen Schritten. Im Klartext bedeutet das, dass ich im Kontext der Kommunikation künftig auf echte Verschlüsselung setzen werde. Hmm, „Klartext“ ist ein witziges Wort in so einem Satz. Und ich meine damit echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und nicht diese fahrlässige Möchtegern-Verschlüsselung der unsicheren De-Mail.

Nun, wie der Zufall es wollte, ergab sich jüngst eine passende Gelegenheit, meine Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern und gleichzeitig einen ersten Schritt hin zu Verschlüsselung zu machen. Im Moment geistert die Meldung durch alle Medien: Facebook kauft WhatsCrap für 19 Fantastilliarden Dollar. Ganz genau. Zwei Datenkraken haben sich endlich gefunden und werden bald die Lebensgeschichten sämtlicher Nutzer gebündelt via Standleitung direkt an die datenhungrigen Geheimdienste übertragen. Ist doch praktisch, werden sich die Fans sagen, denn bald gibt es das inoffizielle NSA-Rootkit für Android und iOS als Kombi-App.

Rückblende. Einige Jahre zuvor wurde mir von Freunden empfohlen, mir doch diesen tollen neuen Messenger zu installieren, damit ich bei den coolen Gruppenchats mitmachen könnte. WhatsApp sei ja quasi die bessere SMS und auch noch kostenlos. Ich weigerte mich. In den folgenden Wochen hörte ich aus vielen Gesprächen die Unlust im Freundeskreis heraus, mich immer extra per teurer SMS anzuschreiben, wo jeder „normale“ Mensch längst dank WhatsApp Bescheid wusste. Hätte ich da ein schlechtes Gewissen haben müssen? Auf meine gutgemeinten Hinweise, dass man mit jedem Smartphone auch bequem E-Mails an mich schreiben kann, wurde mir vorgeworfen, ich sei doch total von gestern, und niemand nutze mehr E-Mail, schon gar nicht auf dem Smartphone. Ich begann zu zweifeln, abwechselnd an mir und am Verstand meiner IT-fernen Mitmenschen.

In den Monaten darauf verfolgte ich gespannt die Berichterstattung über die datenschutztechnisch äußerst bedenkliche Messenger-App. Das fängt schon damit an, dass die Entwickler nicht einen Finger krumm machen, wenn man sie darauf hinweist, dass die Nachrichten unverschlüsselt versendet werden. Probleme werden dort lieber verheimlicht und totgeschwiegen als die Nutzer aufzuklären. Dass WhatsApp das gesamte Adressbuch im Klartext an deren Server überträgt, um die Kontaktliste abzugleichen, das mag sein größtes Feature sein, aber gleichzeitig auch das größte Problem, denn vielleicht will das nicht jeder. Vielleicht vor allem die Leute nicht, die in diesen Adressbüchern stehen. Kleiner Denkanstoß: Wenn ich als WhatsApp-Verweigerer in den Smartphone-Adressbüchern von 30 WhatsApp-Nutzern stehe, und man davon ausgehen kann, dass Menschen die sich kennen sich in der Regel gegenseitig in ihr Adressbuch eintragen, dann kann WhatsApp ohne Schwierigkeiten ziemlich genaue Rückschlüsse darüber ziehen, wer so alles in meinem Adressbuch stehen wird. WhatsApp kennt mich längst, ich muss dafür nicht einmal einen Account anlegen. Bei Facebook wird das ähnlich funktionieren.

Ich fühlte mich in meiner Abwehrhaltung gegen WhatsApp bestätigt. Jetzt wollte ich erst recht nicht mehr dabei sein, obwohl ich regelmäßig gefragt wurde, ob ich nicht doch aus Gründen der Einfachheit mitmachen wollte. Manchmal bekam ich zur Belohnung für mein Sicherheitsbewusstsein ein genervtes Augenrollen oder ein ungläubiges Kopfschütteln. „Ich schreibe schon lange keine SMS mehr.“, erzählte mir eine Freundin, die mir damit wohl androhen wollte, dass ich ohne WhatsApp von ihr niemals Textnachrichten bekäme. WhatsApp-Fans schließen die anderen schon wie selbstverständlich aus, der gesellschaftliche Druck steigt. Wenn du nicht drin bist, bist du weg.

Aber um die Wahrheit zu sagen, suche ich eigentlich schon lange wieder nach einem brauchbaren Instant Messenger, der sowohl mobil als auch am Schreibtisch nutzbar ist. Am besten einen, der viele Nutzer hat, und der nicht Facebook oder WhatsApp heißt. Am besten einen, der Nachrichten richtig verschlüsselt. Interessiert bemerkte ich dieser Tage den Eindruck einer leichten Abwanderungsbewegung weg von WhatsApp, als Reaktion auf die Übernahmemeldung. Eine Kombination aus Schadenfreude, geballter Berichterstattung und dem Bedürfnis nach Kommunikation machte mich auf Threema aufmerksam. Threema ist das bessere, sicherere und weniger amerikanische WhatsApp. Drei Gründe, die mir 1,60 EUR allemal wert waren, und seitdem gehöre ich zu den Nutzern. Die Konkurrenz zu unterstützen, gibt mir außerdem ein gutes Gefühl.

Sicherlich, meine Kontaktliste ist mit zwei Personen in den ersten 24 Stunden nicht besonders gut gefüllt. Ich habe keine Wunder erwartet, aber ich bin zuversichtlich, dass sich das schnell ändert, und das ohne mein gesamtes Adressbuch an die Betreiber zu verschicken. Aber selbst wenn ich das wollte, würden nur Hashes dort abgelegt, was in jedem Fall besser ist, als das was der unverdiente Platzhirsch macht. Wenn es bald noch einen brauchbaren Desktop-Client für das Protokoll gibt, dann werde ich bestimmt eine Weile dabei bleiben. Nützlich ist so ein Messenger in jedem Fall, vorausgesetzt eine nicht unerhebliche Menge deiner Freunde ist darüber erreichbar. Da hilft vermutlich nur abwarten. Und wenn aus Threema am Ende doch nichts wird, installiere ich mir WhatsApp trotzdem nicht.

Die Spiegel-Autoren haben es geschafft. Ich bin endlich geheilt. Noch vor einigen Monaten hielt man mich vermutlich zu Recht für einen fiesen, ekligen Rechtschreibnazi. Sogar an einigen Textbeiträgen zu diesem Thema versuchte ich mich hin und wieder, alleine in der Hoffnung, die Welt ein bisschen besser zu machen. Man stelle sich vor, auch im Bekanntenkreis pochte ich auf Facebook zumindest auf Korrektur der wildesten Fehler, weil mir die Augen schmerzten vor soviel Rechtschreibunvermögen unter erwachsenen, gebildeten Studenten. Reaktionen provozierte ich damit durchaus, meistens wurde ich wenigstens orthographisch sehr kreativ beleidigt. Bekanntlich haben Rechtschreibnazis keine Argumente und keine Freunde, daher musste ich endlich umschulen. Viel zu oft verwechselte ich die Unfähigkeit, halbwegs korrekte Sätze zu tippen mit fehlender Intelligenz. Das war natürlich in höchstem Maß naiv und falsch. Mein Kreuzzug gegen die Volkskrankheit Legasthenie ist damit hoffentlich zu Ende und ich kann mich wieder um die wirklich wichtigen Dinge im Leben kümmern. Danke!

Endlich begreife ich die Nichteinhaltung der Rechtschreibregeln als Evolution der Rechtschreibung und nicht länger als Verfall selbiger. Ein junger Kollege von mir umschreibt den Sachverhalt gerne mit „lebendiger Sprache“. Ein Artikel auf Spiegel Online beschreibt diesen Effekt, der mir schon seit einigen Jahren nur zu deutlich auffällt: Deutsche Schüler lernen keine Rechtschreibung mehr. Der Artikel konnte mir die Augen öffnen. Anstatt mich wie früher fälschlich darüber zu beklagen, dass unsere Sprache vor die Hunde geht, will ich das Pferd heute mal von hinten aufzäumen und das ganze aus der Sicht der Schüler sehen. Die Generation Facebook und WhatsApp kommt mit den simpelsten Rechtschreibregeln nicht mehr klar, außerdem kostet Rechtschreibung zuviel Zeit beim Tippen, daher bildet sich nun endlich eine völlig neue internet-taugliche Rechtschreibung. Ich wage eine kurze Prognose, wie sich das in den kommenden Jahren entwickeln wird:

  • Groß- und Kleinschreibung werden abgeschafft. Auch am Satzanfang schreibt man künftig klein.
  • Punkt und Komma werden abgeschafft.
  • Satzbau, bzw. Haupt- und Nebensatz werden abgeschafft. Ab sofort gibt es das Gebilde „Satz“ nicht mehr, nur noch „Message“. Das geht konform mit der Abschaffung von Punkt und Komma.
  • Ausrufe- und Fragezeichen kommen nur noch in größerer Zahl vor, um Emotionen auszudrücken, nicht mehr um Sätze zu beenden.
  • Smileys und Capslock werden überall dort verwendet, wo noch mehr Emotionen ausgedrückt werden sollen.
  • Um ganz besonders starke Emotionen auszudrücken, verwendet man Abkürzungen wie OMG, LOL, ROFL, YOLO, HDL, LW („Langweilig“), KZ („Keine Zeit“), und was einem sonst noch so einfällt.
  • Jedes deutsche Wort ist beliebig durch entsprechend bessere englische Vokabeln ersetzbar. („Das kriegst du back!!!!11“)
  • Auch aus anderen Sprachen sollten möglichst viele Lehnwörter verwendet werden, dabei ist die Schreibweise nebensächlich. („Repertwar“, „Blamasche“)
  • Die Backspace-Taste wird abgeschafft. Da ohnehin niemand mehr liest, was er schreibt, sondern lieber blind absendet, braucht man dieses Relikt schon bald nicht mehr.
  • Orthographie wird abgeschafft.

In Zukunft gilt stattdessen nur noch eine Rechtschreibregel, und die ist ganz leicht zu merken: „schrieb so wie du wilst lol!!! ;D“. Wer im Chat, in E-Mails, und in Kurznachrichten komplett auf Rechtschreibung scheißt, der gewöhnt sie sich früher oder später ganz ab, vielleicht ohne es zu merken. So sorgt man wie automatisch dafür, dass man irgendwann in geschäftlichen Schreiben, in wissenschaftlichen Arbeiten, in journalistischen Beiträgen und in formalen Briefen schreibt, als wäre es eine SMS an eine gute Freundin. Dazu gibt es übrigens auch einen recht interessanten Artikel auf Spiegel Online. Aber das nur am Rande.

Glücklicherweise behauptet heute niemand mehr, dass diese Entwicklung etwa auf sprachliche Defizite zurückginge, sondern dass das ein begrüßenswerter Schritt hin zu „kreativerem Schreiben“ ist. Wer kreativ schreiben will, für den ist das veraltete Konzept der Rechtschreibung nur hinderlich. In der Mathematik wird das eines Tages vielleicht ähnlich ablaufen, wenn es darum geht, kreativer zu rechnen. 2 + 2 = 5 ist nach den (im Moment noch) geltenden mathematischen Regeln vielleicht ein bisschen falsch, aber es ist auf jeden Fall viel kreativer. Die Botschaft ist wichtig, nicht die Art wie sie vermittelt wird.

In ein paar Jahren, wenn die jetzige Schülergeneration erwachsen geworden und in die Stellen der Personalentscheider gerutscht ist, dann sind viele Rechtschreibfehler, Smileys, LOLs, OMGs und ein turbulenter Satzbau in Bewerbungen tatsächlich salonfähig und gelten als Ausdrucksmittel von kreativer Persönlichkeit. Gruftis wie ich finden mit ihren altmodischen, standardkonformen, völlig uncoolen Anschreiben leider keine Anstellung mehr in dieser Welt, aber das ist womöglich gut so, denn man will ja bewusst eine Veränderung erreichen.

Ich erinnere mich dunkel an meine Schulzeit, als ich dutzende Aufsätze und Tests im Deutschunterricht schreiben musste. In jeder Klassenarbeit brach ich mir fast einen ab, weil ich mich vor Nervosität beispielsweise nicht mehr daran erinnern konnte, ob es nun „wiederspiegeln“ oder „widerspiegeln“ heißen muss. In jedem Diktat rechnete man pro zwei Fehler jeweils eine halbe Note schlechter. In einem Test über Kommasetzung war ich vor lauter Kommasetzungsregeln so verwirrt, dass ich weiterhin „nach Gefühl“ Kommata verteilte, und obwohl ich damit in weit über 80% der Fälle richtig lag, gab es vermutlich trotzdem nur eine 4 dafür. Bei solchen unfairen Lehrern und Maßstäben würden Kinder heute gnadenlos durchfallen. Wenn ich meine damalige Rechtschreibung mit den Textergüssen heutiger Schüler vergleiche, dann müsste ich mich doch zwangsläufig wie der Einäugige unter den Blinden fühlen. Aber stattdessen betrachte ich mich heute als Zeuge dieses faszinierenden sprachlichen Wandels. Zum Glück gibt es solche restriktiven Regeln bald nicht mehr, weil sich kommende Generationen von den Ketten der Rechtschreibung befreien und irgendwann jeder so schreiben kann, wie es ihm gefällt.

Um meine Sympathie zu dieser Anti-Rechtschreib-Bewegung zu beweisen, werde ich in sämtlichen kommenden Artikeln auf Success Denied zusätzlich zu meinen zahlreichen üblichen Rechtschreib- und Tippfehlern absichtlich einige mehr einbauen.