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Raubkopierer sind Bewahrer der Spielekultur

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diskettenWährend sich unsere Bundesregierung erneut mit ihrem eklatanten Technikunverständnis in aller Öffentlichkeit nicht nur beim eigenen Volk sondern auch in den Nachbarländern blamiert, indem sie die De-Mail trotz kryptographischer Fehlkonzeption offiziell als sicher definiert und zum verbindlichen Kommunikationsmittel erklärt, lese ich einen höchst erfreulichen Artikel, den die Piratenpartei freundlicherweise verlinkt hat. Direkt aus der Kategorie “Das sag’ ich doch schon die ganze Zeit”:

Illegale Raubkopien: Warum Software-Piraten unsere Spiele-Kultur retten

Auch wenn ich GIGA nur ungern als Quelle nenne, der Artikel ist super geschrieben. Ich könnte es kaum besser ausdrücken, obwohl ich genau das praktisch seit Jahren versuche. Für alle diejenigen, die den Artikel nicht lesen wollen, werde ich dennoch die Kernaussage hier “kurz” zusammenfassen, weil so etwas nicht unerwähnt bleiben darf.

Spiele, genau wie Filme, Musik und Literatur, sind ein Kulturgut. Und Kultur unterliegt der ständigen Gefahr, in Vergessenheit zu geraten, wenn sie nicht in irgendeiner Form erhalten wird. Wenn wir mal einen Blick auf das Medium Film zum Vergleich werfen: Viele sehr frühe Schwarzweiß-Filme aus der Stummfilm-Ära sind heute unwiederbringlich verloren, weil es keine Kopien mehr davon gibt. Wir wissen nur noch davon, dass sie mal existiert haben. Den Stummfilmklassiker “Nosferatu” gäbe es heute überhaupt nicht mehr, wenn nicht Menschen geistesgegenwärtig und gegen geltendes Recht davon illegale Kopien gemacht hätten, denn der Film wurde in Deutschland auf Grund eines Rechtsstreits vernichtet. In der Welt der Spiele ist das kaum anders. Raubkopierer werden von Spieleentwicklern und Publishern als größtes Übel bekämpft, vielleicht gar nicht zu Unrecht, aber dann, wenn die Spiele zu alt geworden sind, um den Firmen noch Geld einzubringen, werden sie lieblos abgeworfen als wären sie wertloser Softwaremüll, und die Gesetzeslage verhindert, dass sich jemand anderer darum kümmern dürfte.

An diesem Punkt bin ich eben ganz anderer Meinung. Es müssen Gesetze her, die das Verwaisen von Softwareprodukten verhindern. Als selbsternannter Softwarehistoriker bin ich erfreut über die sehr aktive Abandonware-Szene und die vielen Emulator-Entwickler und ROM-Dumper. Aber alles davon bewegt sich zumindest in einer rechtlichen Grauzone. Abandonware ist nicht legal, aber das sollte sie doch eigentlich sein! Wenn ein Spiel nicht mehr käuflich zu erwerben ist, dann sollte zumindest jemand soviel Anstand haben, das Spiel freizugeben. Im Moment machen das nur die Raubkopierer, und die machen das, um diese Spiele für die Nachwelt zu bewahren, immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sie damit gegen das Gesetz verstoßen müssen. Was meint ihr eigentlich wieviele C64-, Atari-, Amiga- und MS-DOS-Spiele es heute schon nicht mehr gäbe, wenn wir uns immer nur brav an die Gesetze hielten?

Auch ein zweiter Punkt wird in dem Artikel angesprochen, und auch wenn es vermutlich bald niemand mehr von mir hören will: Drastische DRM-Maßnahmen verhindern nicht nur Raubkopien, sie verhindern auch, dass dieses Spiel in 20 oder 30 Jahren noch gespielt werden kann. Nur weil Cracker dazu in der Lage sind, den Kopierschutz von Spielen zu entfernen, ist es uns möglich, Spiele auch Jahrzehnte später noch zu starten. Sobald die DRM-Mechanik so tief in das Spielgeschehen eingewoben ist, dass sie sich nicht mehr entfernen lässt, bekommt das Spiel das, was der Publisher u.a. damit erreichen wollte: eine künstlich eingebaute Lebensdauer, die sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Sobald jemand am anderen Ende die Server abschaltet, geht für das Spiel endgültig das Licht aus.

Raubkopierer sind also Verbrecher, zumindest wenn man den Kinoverbänden bei ihrer berüchtigten PR-Kampagne glauben schenken wollte. Dass das eine dreiste Lüge ist, das weiß inzwischen hoffentlich jeder. Juristisch gesehen sind Raubkopierer nämlich definitiv keine Verbrecher. Aber wer erwartet schon, dass das jemals richtiggestellt werden müsste, denn wer setzt sich schon gerne für Verbrecher ein. Raubkopierer sind eigentlich die einzige Instanz, die sich um die absolut nötige Langzeitarchivierung vergessener Spiele kümmert. Und was lernen wir daraus, ganz egal ob im Falle der De-Mail oder zum Urheberrechtsschutz bei verwaisten Werken? Nur weil etwas Gesetz ist, ist es trotzdem noch lange nicht richtig.

Webfundstück

Gratisplätze auf der Ehrentribüne

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Stell dir vor, direkt vor deiner Haustür bauen geschäftstüchtige Menschen eine Stunt- und Monstertruck-Show auf. Und obwohl die Damen und Herren dabei selbstverständlich an einen zweieinhalb Meter hohen Sichtschutz um das komplette Showgelände denken, um unerwünschte Gaffer fernzuhalten, die keinen Eintritt bezahlen wollen, kann das die Anwohner aus dem dritten Stock kaum daran hindern, sich die Show trotzdem anzusehen. Im Klartext: Ich war dabei!

stuntshow

So kam ich am Samstag in den Genuss zweier Gratis-Vorstellungen der – laut Flyer-Text – erfolgreichsten europäischen Stunt-Show. Mittels Stativ und fernbedienbarer 3D-Kamera mit brauchbarem Zoom an einem Dachfenster konnten wir das ganze Spektakel auf einen großen Fernseher streamen, in 1080p aufzeichnen und bequem von der Couch aus mit 3D-Brille genießen. Ich muss sagen, das war irgendwie doch eine sehr witzige Angelegenheit, so auf eine ziemlich schmarotzende Weise. Die Eintrittspreise wurden weder auf der Webseite noch auf den unzähligen Flyern bekanntgegeben, was ich ziemlich bescheuert finde. Laut eines Beitrags im Internet liegen sie aber zwischen 10 und 16 Euro, je nachdem ob man Kind oder Erwachsener ist, und einen Steh- oder Sitzplatz wollte. Aber ich bin mir ziemlich sicher, von hier oben hatte man viel mehr Übersicht als unten auf den teuren Sitzplätzen.

Hätte ich die 16 Euro gezahlt, wäre ich wohl etwas enttäuscht gewesen. Den größten Teil der 90-minütigen Show machen relativ lahme Sparflamme-Stunts aus, darunter ein bisschen zurückhaltendes Herumdriften mit einem PS-starken BMW, der seinen Reifenbelag großzügig auf dem Platz verteilte. Das traurige daran ist nämlich, dass genau an derselben Stelle praktisch ohnehin dreimal die Woche irgendwelche spätpubertierenden Fahranfänger und Hobbydrifter nächtens ihre getuneten Autos über den Platz jagen und die Anwohner mit dem aufgewirbelten Staub und der erheblichen Geräuschbelästigung nerven. Die unbeeindruckenden Sprünge mit den Motorrädern konnten mich jedenfalls nicht mehr vom Hocker hauen, dafür hat man sowas vielleicht einfach schon zu oft gesehen. Zu den spannenderen Augenblicken der Show gehörten noch die Stuntfahrer, die ihre Autos seitlich auf zwei Rädern (und das teilweise auch noch freihändig) fahren konnten, und die Fahrzeugüberschläge mit extra gummigepolsterten Autos.

Was ich wirklich schade fand, war, dass die Stunt-Show tagelang vorher mit zwei großen Monstertrucks beworben wurde, da erwartet man natürlich eine ganze Menge. Zu diesem Zweck haben sie einen davon werbewirksam u.a. auf dem Parkplatz des hiesigen Mediamarkts abgestellt. Tatsächlich bekommt man immerhin einen davon gerade noch fünf Minuten vor Schluss in Aktion zu sehen, wenn er dreimal über einige präparierte schrottreife Kleinwagen rollt. Das war doch leider ein wenig … äh, zu wenig.

Musik

SuccessDenied sucht den Superstar

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spacolamusik

Kommen wir nun zu etwas völlig anderem. Heute versuche ich mich als Dieter Bohlen und beleidige irgendwelche wildfremden Leute mit niveaulosen Schmähungen, wie man sie sonst nur auf Hauptschulpausenhöfen zu hören bekommt. Der Titel der Artikels sagt eigentlich fast schon alles. Und das was er nicht sagt, will ich in aller Kürze erklären: Die nächste WIP-Version des Atari ST Remakes SPACOLA ECLIPSE wird (vorerst probeweise) zusätzlich zur Original-Titelmusik von Jürgen Piscol auch noch während des Gameplays Musik bieten, damit es im Pixel-Weltall nicht ganz so still ist. Ja, die neueste Enigma-Version hat mich zu dieser Entscheidung bewegt. In den Originalen von Dongleware gab es aus Gründen der Performance keine digitale Musik während des Spiels zu hören – die 8 MHz des ST reichten gerade so für die Animationen und die Soundeffekte, und schon damals musste Meinolf Schneider programmiertechnisch tief in die Trickkiste greifen, damit bei der begrenzten Hardwareleistung alles flüssig lief. Bei der heutigen Rechenpower ist das keine Herausforderung mehr, da kann man problemlos aus dem Vollen schöpfen und muss sich noch nicht einmal um saubere Programmierung und Optimierungen kümmern.

Ich bin gerade dabei, zu testen, ob Ingame-Musik bei meinem Remake sinnvoll ist und ob ich es dabei belassen werde, wenn es gut zusammenpasst. Offen ist dabei noch sehr vieles, zum Beispiel welche Art von Musik in diesem Fall am besten passt. Daher hier der (zeitlich unbegrenzte) Aufruf: Falls sich jemand unter der halbwegs musikalischen Leserschaft meines Blogs dazu berufen fühlt, dann würde ich mich freuen, wenn er/sie völlig unverbindlich ein wenig basteln und mir kleine Musikstücke oder Soundschnipsel zusenden könnte. Ich bin für alles dankbar. Aber auch diejenigen, die musikalisch nicht so begabt oder aktiv sind, können helfen, indem sie Vorschläge machen. Mit viel Resonanz rechne ich nicht, aber wer weiß schon was sich ergibt.

In meiner Vorstellung passt als Hintergrundmusik eine eher instrumental-meditativ-unaufdringliche, eingängige (monotone), repetitive, also betont wenig melodiöse, rhythmische, elektronische Musik, aber vielleicht lasse ich mich ja durch meine persönliche Präferenz zu sehr beeinflussen. Vielleicht passt wilde Gitarrenmusik oder Hiphop ja doch besser, aber irgendwie bezweifle ich das. Ich denke da zum Beispiel an die musikalischen Klangwelten von Klaus Schulze, Jean Michel Jarre, und Vangelis. Oder gleich was “Chippiges” mit 8-Bit-Charme? Es muss ja gar keine qualitativ besonders hochwertige oder filigrane Komposition sein, denn schon mit recht wenig kann man viel erreichen, wenn es die richtige Stimmung vermittelt. Es sollte eben irgendwie zu dem futuristischen Weltraum-Ambiente passen, vielleicht sogar angelehnt an den Stil der Titelmusik. Ob es etwas Hektischeres oder was Ruhigeres sein sollte, da bin ich mir auch nicht sicher. Vor allem aber sollte es in seinem Gesamtwirken zurückhaltend sein, sich dem Gameplay und den Soundeffekten unterordnen, und das möglichst “seamless”: Also wenn die Musik in Schleife abgespielt wird, wäre es schön, wenn das zumindest nicht unangenehm auffiele. Die ideale Hintergrundmusik müsste so um die 6-7 Minuten lang sein. Länger wird selten jemand in einem Level verbringen. Sinnvoll ist es wohl außerdem, dass es mehrere Songs gibt, die abwechselnd oder je nach Level verwendet werden, und die in Summe gut zueinander passen.

Wenn es funktioniert, und es tatsächlich Einsendungen gibt, dann kann ich die Wahl auch gerne per Voting den Blogbesuchern überlassen. Der Lohn wäre am Ende also die Verwendung DEINER Musik im (hoffentlich irgendwann) fertigen Remake. Nicht mehr und nicht weniger. Geld kann ich keines bieten, weil das Spiel voraussichtlich nichts kosten wird. Und selbst wenn es keine (brauchbaren) Einsendungen gibt, und davon gehe ich aus, dann schaue ich mich einfach selbst mal im Bereich der freien CC-Musik um, und bitte einen fähigen Komponisten höflichst um die Verwendungserlaubnis für seine Werke. Auch hier bin ich offen für Empfehlungen.

Einsendungen am besten per E-Mail an v.hoehnelcontactgmail.com. Kommentare, Vorschläge und Fragen dürfen auch gerne direkt an diesen Artikel angehängt werden. Die ersten Ergebnisse präsentiere ich euch im nächsten WIP-Preview-Video zur Version 0.23 in wenigen Wochen.

ATARI

Enigma 1.20 veröffentlicht

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enigmalogoVoller Freude präsentiere ich mal wieder einen kleinen News-Beitrag auf meinem Blog, der sich meiner Headergrafik als würdig erweist und sie ausnahmsweise nicht gar so deplatziert wirken lässt: Fast sechs Jahre hat es gedauert, nun können OXYD-Fans endlich aufatmen, denn Enigma ist wieder da, in der neuen Version 1.20.

Enigma ist ein hervorragendes und einzigartiges Esprit-, OXYD-, OXYD2-, Oxyd Magnum-, Sokoban-, usw. -Kombi-Remake, das so viele großartige Kistenverschiebe-, Puzzle-, Denk- und Geschicklichkeitsspiele vereint, wie man sich kaum vorstellen kann. Alleine als Atarianer wird man unendlich viel Freude daran haben, weil es sich spielt wie die alten Dongleware-Meisterwerke. Der Suchtfaktor ist auch heute noch enorm. Wenn ich durch meinen exzessiven OXYD-Konsum in Kindheitstagen nicht längst immunisiert wäre, würde ich dem Charme von Enigma wahrscheinlich Tag und Nacht erliegen. In der Hinsicht verhält sich das bei mir vielleicht ein bisschen wie mit Obelix und dem Zaubertrank.

enigma120Da sich die neueste Version nun wirklich sehr lange Zeit gelassen hat, gibt es tatsächlich eine ganze Stange an Änderungen, darunter beinahe 1500 neue Levels für alle möglichen Spielarten. Auch einige bekannte Dongleware-Levels sind neu hinzugekommen, wie man schon am Screenshot erkennen kann. Darüber habe ich mich persönlich am meisten gefreut. Außerdem gibt es einige neue Musikstücke, neuerdings sogar im laufenden Spiel wenn man das möchte. Viele neue Steine und Spielobjekte wurden implementiert, es gibt viele grafische Verbesserungen, und eine komplett neue API, wobei letzteres wohl nur den Entwicklern und Leveldesignern auffallen wird.

Die neuen Download-Pakete kann man ab sofort auf der Enigma-Webseite herunterladen. Mac-Benutzer müssen sich leider noch ein wenig gedulden, für den Anfang gibt es nur Windows-Binaries und den Quelltext zum selbst kompilieren. An dieser Stelle nochmals der Hinweis darauf, dass Enigma auf Grund der Reverse-Engineering-Leistung hinter der sogenannten “Oxydlib” die alten Dateiformate der Ur-OXYDs laden und interpretieren kann, genauer gesagt die Original-Sounds und die Landschaftsdaten, so dass sich schnell ein noch wesentlich authentischeres Spielerlebnis für Fans einstellt. Die importierten Landschaften der Originale funktionieren aber nur eingeschränkt, da auch nach all den Jahren noch längst nicht alle Spielelemente im Remake umgesetzt sind.

Spaß

Evolution der Rechtschreibung

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Die Spiegel-Autoren haben es geschafft. Ich bin endlich geheilt. Noch vor einigen Monaten hielt man mich vermutlich zu Recht für einen fiesen, ekligen Rechtschreibnazi. Sogar an einigen Textbeiträgen zu diesem Thema versuchte ich mich hin und wieder, alleine in der Hoffnung, die Welt ein bisschen besser zu machen. Man stelle sich vor, auch im Bekanntenkreis pochte ich auf Facebook zumindest auf Korrektur der wildesten Fehler, weil mir die Augen schmerzten vor soviel Rechtschreibunvermögen unter erwachsenen, gebildeten Studenten. Reaktionen provozierte ich damit durchaus, meistens wurde ich wenigstens orthographisch sehr kreativ beleidigt. Bekanntlich haben Rechtschreibnazis keine Argumente und keine Freunde, daher musste ich endlich umschulen. Viel zu oft verwechselte ich die Unfähigkeit, halbwegs korrekte Sätze zu tippen mit fehlender Intelligenz. Das war natürlich in höchstem Maß naiv und falsch. Mein Kreuzzug gegen die Volkskrankheit Legasthenie ist damit hoffentlich zu Ende und ich kann mich wieder um die wirklich wichtigen Dinge im Leben kümmern. Danke!

Endlich begreife ich die Nichteinhaltung der Rechtschreibregeln als Evolution der Rechtschreibung und nicht länger als Verfall selbiger. Ein junger Kollege von mir umschreibt den Sachverhalt gerne mit “lebendiger Sprache”. Ein Artikel auf Spiegel Online beschreibt diesen Effekt, der mir schon seit einigen Jahren nur zu deutlich auffällt: Deutsche Schüler lernen keine Rechtschreibung mehr. Der Artikel konnte mir die Augen öffnen. Anstatt mich wie früher fälschlich darüber zu beklagen, dass unsere Sprache vor die Hunde geht, will ich das Pferd heute mal von hinten aufzäumen und das ganze aus der Sicht der Schüler sehen. Die Generation Facebook und WhatsApp kommt mit den simpelsten Rechtschreibregeln nicht mehr klar, außerdem kostet Rechtschreibung zuviel Zeit beim Tippen, daher bildet sich nun endlich eine völlig neue internet-taugliche Rechtschreibung. Ich wage eine kurze Prognose, wie sich das in den kommenden Jahren entwickeln wird:

  • Groß- und Kleinschreibung werden abgeschafft. Auch am Satzanfang schreibt man künftig klein.
  • Punkt und Komma werden abgeschafft.
  • Satzbau, bzw. Haupt- und Nebensatz werden abgeschafft. Ab sofort gibt es das Gebilde “Satz” nicht mehr, nur noch “Message”. Das geht konform mit der Abschaffung von Punkt und Komma.
  • Ausrufe- und Fragezeichen kommen nur noch in größerer Zahl vor, um Emotionen auszudrücken, nicht mehr um Sätze zu beenden.
  • Smileys und Capslock werden überall dort verwendet, wo noch mehr Emotionen ausgedrückt werden sollen.
  • Um ganz besonders starke Emotionen auszudrücken, verwendet man Abkürzungen wie OMG, LOL, ROFL, YOLO, HDL, LW (“Langweilig”), KZ (“Keine Zeit”), und was einem sonst noch so einfällt.
  • Jedes deutsche Wort ist beliebig durch entsprechend bessere englische Vokabeln ersetzbar. (“Das kriegst du back!!!!11″)
  • Auch aus anderen Sprachen sollten möglichst viele Lehnwörter verwendet werden, dabei ist die Schreibweise nebensächlich. (“Repertwar”, “Blamasche”)
  • Die Backspace-Taste wird abgeschafft. Da ohnehin niemand mehr liest, was er schreibt, sondern lieber blind absendet, braucht man dieses Relikt schon bald nicht mehr.
  • Orthographie wird abgeschafft.

In Zukunft gilt stattdessen nur noch eine Rechtschreibregel, und die ist ganz leicht zu merken: “schrieb so wie du wilst lol!!! ;D”. Wer im Chat, in E-Mails, und in Kurznachrichten komplett auf Rechtschreibung scheißt, der gewöhnt sie sich früher oder später ganz ab, vielleicht ohne es zu merken. So sorgt man wie automatisch dafür, dass man irgendwann in geschäftlichen Schreiben, in wissenschaftlichen Arbeiten, in journalistischen Beiträgen und in formalen Briefen schreibt, als wäre es eine SMS an eine gute Freundin. Dazu gibt es übrigens auch einen recht interessanten Artikel auf Spiegel Online. Aber das nur am Rande.

Glücklicherweise behauptet heute niemand mehr, dass diese Entwicklung etwa auf sprachliche Defizite zurückginge, sondern dass das ein begrüßenswerter Schritt hin zu “kreativerem Schreiben” ist. Wer kreativ schreiben will, für den ist das veraltete Konzept der Rechtschreibung nur hinderlich. In der Mathematik wird das eines Tages vielleicht ähnlich ablaufen, wenn es darum geht, kreativer zu rechnen. 2 + 2 = 5 ist nach den (im Moment noch) geltenden mathematischen Regeln vielleicht ein bisschen falsch, aber es ist auf jeden Fall viel kreativer. Die Botschaft ist wichtig, nicht die Art wie sie vermittelt wird.

In ein paar Jahren, wenn die jetzige Schülergeneration erwachsen geworden und in die Stellen der Personalentscheider gerutscht ist, dann sind viele Rechtschreibfehler, Smileys, LOLs, OMGs und ein turbulenter Satzbau in Bewerbungen tatsächlich salonfähig und gelten als Ausdrucksmittel von kreativer Persönlichkeit. Gruftis wie ich finden mit ihren altmodischen, standardkonformen, völlig uncoolen Anschreiben leider keine Anstellung mehr in dieser Welt, aber das ist womöglich gut so, denn man will ja bewusst eine Veränderung erreichen.

Ich erinnere mich dunkel an meine Schulzeit, als ich dutzende Aufsätze und Tests im Deutschunterricht schreiben musste. In jeder Klassenarbeit brach ich mir fast einen ab, weil ich mich vor Nervosität beispielsweise nicht mehr daran erinnern konnte, ob es nun “wiederspiegeln” oder “widerspiegeln” heißen muss. In jedem Diktat rechnete man pro zwei Fehler jeweils eine halbe Note schlechter. In einem Test über Kommasetzung war ich vor lauter Kommasetzungsregeln so verwirrt, dass ich weiterhin “nach Gefühl” Kommata verteilte, und obwohl ich damit in weit über 80% der Fälle richtig lag, gab es vermutlich trotzdem nur eine 4 dafür. Bei solchen unfairen Lehrern und Maßstäben würden Kinder heute gnadenlos durchfallen. Wenn ich meine damalige Rechtschreibung mit den Textergüssen heutiger Schüler vergleiche, dann müsste ich mich doch zwangsläufig wie der Einäugige unter den Blinden fühlen. Aber stattdessen betrachte ich mich heute als Zeuge dieses faszinierenden sprachlichen Wandels. Zum Glück gibt es solche restriktiven Regeln bald nicht mehr, weil sich kommende Generationen von den Ketten der Rechtschreibung befreien und irgendwann jeder so schreiben kann, wie es ihm gefällt.

Um meine Sympathie zu dieser Anti-Rechtschreib-Bewegung zu beweisen, werde ich in sämtlichen kommenden Artikeln auf Success Denied zusätzlich zu meinen zahlreichen üblichen Rechtschreib- und Tippfehlern absichtlich einige mehr einbauen.

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