Schlagwort-Archive: Film

Starkes Schneewittchen in einem schwachen Märchenspaß

spiegleinspiegleinAuf der einen Seite ein Mädchen, ihre Haut weiß wie Schnee, ihr Haar schwarz wie Ebenholz, auf der anderen Seite eine wunderschöne aber böse Stiefmutter und ihr magischer Spiegel. Die junge Prinzessin Schneewittchen (Lily Collins) leidet unter dem frühen Tod ihrer leiblichen Mutter scheinbar noch nicht genug, so dass ihre Stiefmutter Königin Clementianna (Julia Roberts) sie Jahre später auch noch um ihren geliebten Vater (Sean Bean) bringt. Als alleinige Herrscherin des Landes treibt die Stiefmutter das einst so frohe Volk in die Armut um ihre zahlreichen teuren Feste zu finanzieren und sperrt Schneewittchen im Schloss ein. Die Königin will sich in eiligster Kürze mit Prinz Alcott (Armie Hammer) vermählen, nur dummerweise finden Schneewittchen und der Prinz schnell gefallen aneinander. So kommt es, dass Clementianna die Prinzessin im Wald beseitigen lassen möchte. Diese kann das Herz des mit dem Mord beauftragten Dieners erweichen und flieht. Sie befreundet sich mit einer Gruppe diebischer aber gutmütiger Zwerge. Derweil kann Clementianna Alcott mit einem heimtückischen Liebeszauber doch noch zur Heirat überreden. Für Schneewittchen bricht eine Welt zusammen, doch die Zwerge ermutigen sie, für ihren Traumprinzen zu kämpfen.

Der indischstämmige Hollywood-Regisseur Tarsem Singh, bekannt für Blockbuster wie „The Cell“ und „Krieg der Götter“, drehte 2012 die kanadische Märchen-Verfilmung „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ (Originaltitel: „Mirror Mirror“), die das Schneewittchen-Thema auf eine humorvolle und schrille Art aufgreift. Im Gegensatz zur direkten Konkurrenzproduktion „Snow White and the Huntsman“ aus dem selben Jahr, macht Singh damit eindeutig mehr richtig und weniger falsch. Schneewittchen, im Film von ihren Freunden liebevoll „Schneechen“ genannt, tritt darin mit ihrer Stiefmutter in einen Wettbewerb um denselben Mann. Erst in zweiter Instanz, so scheint es, wird auf die akuten sozialen Missstände im Königreich hingewiesen. Die Monarchin richtet ihre Amtsgewalt gegen Schneewittchen, um die unliebsame Konkurrentin aus dem Weg zu räumen. Im Verlauf der Handlung erfährt man von einem mysteriösen Spiegel, der zwar die Wünsche von Clementianna erfüllt, aber zuvor ankündigt, er wolle den Preis dafür später einfordern.

Ein wenig sinnfrei ist der Versuch, die Geschichte aus der Perspektive der Stiefmutter erzählen zu wollen, und dem Zuschauer dadurch einen alternativen Handlungsverlauf in Aussicht zu stellen, was sich dann aber am Ende als irreführend erweist. Überhaupt sind die Schwächen ziemlich leicht auszumachen: Der Film bietet nur wenig fürs Auge, mal von den (zumeist durchaus ansehnlichen) Darstellern abgesehen. Auch der Soundtrack ist so zurückhaltend, kraftlos und leicht ersetzbar, dass ich mich inzwischen fragen könnte, ob der Film überhaupt musikalische Untermalung bot – mit Ausnahme des Abspanns. Außerhalb des engen Rahmens der fest vorgegebenen Handlung erlaubt sich Singh kaum Experimente. Das führt dazu, dass der Film für eine konservative Märchenverfilmung nicht zurückhaltend genug ist und für eine Neuinterpretation nicht genug neue Ideen einbringt.

Schneewittchen wird gespielt von Lily Collins, die ihre Figur zunächst ein wenig verschüchtert, etwas später dagegen sehr selbstbewusst und kämpferisch darstellt. Auch wenn sie das gar nicht schlecht macht, steht sie ein wenig im Schatten ihrer erfahrenen Filmkollegin Julia Roberts, die aber selbst auch schon bessere Leistungen zeigen konnte. Sean Bean hat einen kurzen Auftritt als König. Darüber lässt sich nicht viel sagen, außer dass er seine Wirkung nicht verfehlt. In „Spieglein Spieglein“ sucht man schauspielerische Glanzleistungen oder ein umfangreiches Drehbuch leider vergeblich, doch schon allein da sich der Film selbst nicht ganz ernst nimmt, sieht man alles sehr viel ungezwungener, entspannter, und man setzt seine Prioritäten in Bezug auf filmische Ansprüche plötzlich ganz anders. Der Film kommt mit einer spürbaren sympathischen Bescheidenheit daher, die es mir unmöglich macht, mit dem Film allzu hart ins Gericht zu gehen. Das muss ich dem Regisseur zugutehalten.

Als überraschend witzig empfand ich auch die mit einem Quäntchen Bollywood versehene Gesangs- und Tanzeinlage zum Abspann, die man wohl als Persiflage auf den indischen Regisseur Tarsem Singh und die Filmkultur seines Herkunftslandes werten kann. Ein gelungener Gag wohl auch in den Augen jener, die dem Genre normalerweise bei jeder Gelegenheit zu entfliehen versuchen. Und eine schöne Szene, die demonstriert, dass Lily Collins singen kann, was im Hinblick auf ihren Vater – der Musiker Phil Collins – auch gar nicht sonderlich verwundert.

Fazit: Als Märchenverfilmung ist „Spieglein Spieglein“ eine an- und vor allem bodenständige Produktion, aber kein Film von hoher Qualität. Es fehlt der Handlung an Tiefe, dem Höhepunkt an Spannung, und es fehlt an jeglicher Bild- und Tongewaltigkeit. Doch man merkt, dass der Film das merkt. Singh spielt dem Zuschauer nicht vor, dass er einen großen Film geschaffen haben möchte, sondern stattdessen lieber seine Trümpfe aus: Ein dezenter aber umso begeisterungsfähigerer Humor, einige starke Charaktere, eine bezaubernde Lily Collins und last but not least Julia Roberts und Sean Bean. Setzt man seine Ansprüche nicht zu hoch an, wird man von diesem Schneewittchen kaum enttäuscht sein können.

Von Sternen, Hexen und Piraten

sternwandererIm England des 19. Jahrhunderts lebt der 18-jährige Tristan (Charlie Cox) in einem kleinen Dorf namens Wall. Dieses verdankt seinen Namen einer Steinmauer, die es von dem angrenzenden Königreich Stormhold abschirmen soll. Um die schöne Victoria (Sienna Miller) zu beeindrucken, beschließt Tristan einen gefallenen Stern zu finden und ihr als Geschenk zu bringen. Als er die Grenze zu Stormhold überquert und feststellt, dass der Stern eine junge Frau – Yvaine (Claire Danes) – ist, markiert das den Beginn einer fantastischen Reise voller Magie, auf der Suche nach Tristans Mutter und auf der Flucht vor der bösen Hexe Lamia (Michelle Pfeiffer), die Yvaine im Gegenzug für ewige Jugend töten will. Unterwegs geraten die beiden in die Fänge des berüchtigten Captain Shakespeare (Robert De Niro) und seiner Piratencrew. Und nicht zuletzt sind da noch die machtgierigen Thronfolger des Königreichs von Stormhold, die den Stern suchen um einen rechtmäßigen Erben bestimmen zu können.

Zugegeben, wie das Ende von „Der Sternwanderer“ aussehen wird, steht bereits nach den ersten zehn Minuten fest. Wie das bei sowohl klassischen als auch modernen Märchen meistens der Fall ist, ist auch diese Romanverfilmung nach Neil Gaiman sehr leicht vorhersehbar. Doch was die Handlung an Überraschungen einbüßt, das macht der Film durch seine Atmosphäre, seine Figuren, und seine Liebe zum Detail wieder wett. Den jungen Tristan bekümmert es, dass er so gewöhnlich ist und über keinerlei besondere Fähigkeiten verfügt, und das wo er doch so gerne das Herz der Dorfschönheit Victoria erobern würde, die allerdings besseres gewohnt ist. Was Tristan nicht ahnt, ist, dass er der Sohn einer Prinzessin aus dem Königreich Stormhold ist, also ganz und gar nicht gewöhnlich. Zusammen mit Yvaine, dem Stern in Menschengestalt, findet er seine wahre Bestimmung auf der Suche nach seiner Herkunft, und lernt nebenbei die Bedeutung von wahrer Liebe, die – im Gegensatz zu jener, die er bisher kannte – auf Gegenseitigkeit basiert und bedingungslos ist.

„Der Sternwanderer“ unter der Regie von Matthew Vaughn aus dem Jahr 2007 ist ein spannender Fantasy-Abenteuerfilm, dem ich eine leicht hektische und überladene Handlung bescheinigen muss, was aber im Großen und Ganzen kein Problem darstellt. Aus wirtschaftlicher Sicht war der Film allerdings ein Reinfall und daher tatsächlich ein recht mächtiges Problem. Vom audiovisuellen Standpunkt kann der Film sich absolut sehen lassen, schließlich wurde auch ein nicht unerhebliches Budget aufgewendet. Die Musik hat mich nicht überrollt und war auch sonst nie übermäßig begeisternd, aber dafür wirkt sie andererseits auch nicht schlecht gemacht, sondern dient in jeder Hinsicht als solide Begleitung.

Sehr gerne sehe ich es, wenn Hollywood-Giganten kleine aber wichtige Rollen in Produktionen leicht abseits des Mainstream einnehmen, wie in diesem Fall Robert De Niro, der den (angeblich) gemeingefährlichen Piratenkapitän spielt, der mit seinem Schiff und seiner Crew in den regenbehangenen Wolken Blitze einfängt. Von einem De Niro erwarte ich, dass er in jeder noch so abgedrehten Rolle glaubwürdig ist, sogar bei einer Figur wie dem absurd gegensätzlichen, zwiegespaltenen Captain Shakespeare. Der Schauspieler weiß den beiden Polen seines Charakters jederzeit die nötige Substanz zu verleihen. Für mich eindeutig einer der Höhepunkte des Films. Ebenfalls hat Filmveteran Peter O’Toole eine kleine Rolle als dahinscheidender König von Stormhold. Auf der Seite der Damen spielen mit Sienna Miller, Claire Danes und Michelle Pfeiffer ebenfalls drei etablierte Stars mit. Daneben wirkt der unerfahrene Jungschauspieler Charlie Cox etwas unglücklich, aber sogar an ihm lässt sich nichts mäkeln. Das Make-up von Michelle Pfeiffer als ergraute Hexe (oder das der anderen Hexen) ist zwar alles andere als gelungen, aber ihre Rolle nimmt sie zumindest ernst und sie scheint auch nicht unterfordert.

Die Handlung stellt sich als eine ausgewogene Mischung vieler verschiedener Genres dar und funktioniert als Gesamtpaket wirklich gut. Einer meiner Kritikpunkte ist, dass die Geschichte vielleicht die eine oder andere Station der Reise zuviel behandelt, und dann dafür fast schon zu oberflächlich. So wie besagter Teil mit dem Piratenschiff, der zwar witzig ist, aber ein wenig eingeschoben wirkt, so als versuchte man eine Lücke zwischen zwei anderen Handlungsstationen zu füllen. Als zu oberflächlich nahm ich einige Aspekte des Films vielleicht auch deshalb wahr, weil für meinen Geschmack zuviele Dinge unerklärt geblieben sind. Was macht ein fremdes und vor allem magisches Königreich mitten in England und wieso interessiert es niemanden, was dort vor sich geht? Was hat der Stern mit dem Königshaus zu tun? Womöglich ist es aber genau diese teilweise absurde Vorstellung fliegender Piratenschiffe und lebendiger Sterne, die den Reiz der Geschichte und ihren Zauber ausmachen.

Fazit: Als Abenteuerfilm sollte „Der Sternwanderer“ gleichermaßen Familienfilm sein, doch mag er für Erwachsene ein wenig zu verspielt und mit Hexen und Prinzessinnen zu kitschig sein, für Kinder dagegen zu sehr auf Liebe und royale Machtverhältnisse konzentriert, und damit sitzt diese liebevoll inszenierte Fantasygeschichte leider ein wenig zwischen den Stühlen. Wer sich dennoch gerne dafür begeistern lässt, darf sich auf ein zauberhaftes Märchen mit toller Besetzung freuen, das im schlimmsten Fall an den üblichen Schwachpunkten vergleichbarer Werke leidet.

Amüsantes aus der Rubrik „Achterbahn des Lebens“

Manchmal trifft einen das Leben wie ein Schlag mitten ins Gesicht. So passiert es Nathalie (Audrey Tautou), die ihren Eltern und den Schwiegereltern in spe gerade erst Hoffnung auf Enkelkinder gemacht hat. Und dann stirbt ihr Verlobter François (Pio Marmaï) nach einem schweren Unfall. Nathalie bleibt alleine mit ihrer Trauer zurück, und um der unerträglichen Einsamkeit zu entgehen, flüchtet sie sich in ihre Arbeit. Drei Jahre vergehen, in denen Nathalie es zur Teamleiterin bringt, als der humorvolle aber nur wenig attraktive Schwede Markus (François Damiens) sie plötzlich aus ihrer Zurückgezogenheit reißt. Zum ersten Mal seit drei Jahren beginnt sie sich wieder zu öffnen und in Gesellschaft wohlzufühlen. Markus, der sich bis dahin sehr um Nathalie bemüht hat, traut in seiner Unsicherheit seinem eigenen Glück nicht mehr. Außerdem ist da noch Nathalies Chef, der ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat.

Sich nach einer schmerzhaften Trennung neu zu verlieben ist oft eine hochkomplizierte Angelegenheit. Sich nach dem Tod des Partners, mit dem man bereits sein gesamtes künftiges Leben geplant hat, neu zu verlieben, ist noch weit mehr als das. Eine Szene des Films, in der Nathalie die Nummer ihres verstorbenen Verlobten aus dem Adressbuch ihres Handys löschen will, steht sinnbildlich für die Kernfrage: Wie kann man eine nie beendete und doch für immer abgeschlossene Beziehung „löschen“? Die Romanverfilmung „Nathalie küsst“ von David und Stéphane Foenkinos behandelt ein Thema, mit dem von vornherein eine tiefe Traurigkeit einhergeht, und zeigt dem Zuschauer die Chancen, die eine solche Situation bieten kann, wenn man die Phase des emotionalen Ausblutens während der Trauer einmal überwunden hat. Es ist ein Film, der beispielhaft demonstriert, dass Liebe auch und womöglich vor allem dann passiert, wenn man für sich selbst eigentlich damit abgeschlossen hat.

Angelpunkt der Handlung ist ein leidenschaftlicher Kuss zwischen Nathalie und Markus, für den es nicht den geringsten Anlass gibt, und an den sie sich anschließend nicht erinnert. Dem Zuschauer wird die Begegnung zur Interpretation überlassen. Der unerklärliche Kuss dient als Katalysator für die folgende Beziehung der beiden Arbeitskollegen. Die französische Schauspielerin Audrey Tautou ist in Deutschland besonders für ihre Hauptrolle in „Die fabelhafte Welt der Amélie“ bekannt, darüber hinaus allerdings nicht so präsent. In diesem Film liefert sie eine glaubwürdige, wenn auch in emotionalen Schlüsselszenen etwas ausdrucksschwache Darstellung ihrer Rolle ab. François Damiens, der den in Sachen sozialer Interaktion ein wenig unbeholfenen Schweden Markus spielt, tritt mit seinem gutherzigen aber beinahe verschrobenen Holzfällercharme dabei fast noch eine Spur deutlicher hervor.

Wie sich das für französische Filme gehört, ist der Soundtrack hier nicht einfach nur eine Begleiterscheinung der jeweiligen Stimmung in einer Szene, sondern oft ein eigenständiger Darsteller. So wie es zur Situation passt, wird ein Song eingespielt, der die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und den Film dann nahezu wie ein Musikvideo wirken lässt. Diesen Stil liebt man oder man hasst ihn. Sehr gelungen fand ich die Titelmusik, die mich z.B. auf ihre verträumte Weise irgendwie an eine Spieldose erinnert und einen Hauch von Melancholie in mir entstehen lässt. Das ist etwas, das ich dem Film hoch anrechne, und das mich die teilweise schleppende Handlung und die mangelnde Abwechslung mit Leichtigkeit verzeihen lässt.

Über das Ende lässt sich streiten, und vermutlich werde ich mir vorwerfen lassen müssen, die abschließende Botschaft nicht verstanden zu haben, aber auf den Abspann war ich nicht so recht vorbereitet. Vielleicht kommt die Erleuchtung mit der Zeit. Da der Plot ohnehin nicht so umfangreich ist, hatte ich jedenfalls den Eindruck, dass die Geschichte nicht ganz zuende erzählt wurde.

Fazit: „Nathalie küsst“ ist außerordentlich sympathisch, hat aber leider seine Schwächen und entspricht lange keinem Ideal. Ein wenig so wie Markus in der Geschichte also. Der Film ist etwas für diejenigen, die eine traurige und gleichzeitig lustige Episode einer unkonventionellen Liebesgeschichte suchen, die einen sogar zum Nachdenken anregt, und natürlich für Genießer französischer Filme.

Nur eine mäßig spannende Nacht

Mit der untreuen und promiskuitiven Tris hat sich der Highschool-Schüler und Musiker Nick offensichtlich die falsche Freundin ausgesucht. Um die kurz zuvor gescheiterte Beziehung zu retten, erstellt er dutzende Mix-CDs für Tris, die diese aber verächtlich wegwirft. Dafür begeistert sich die zunächst verschlossene Norah umso mehr für die CDs des unbekannten Musikkenners und schwärmt heimlich für ihn. Ein Zufall bringt die beiden auf einem Konzert zusammen, und was vielversprechend beginnt, stellt sich schnell als Reinfall heraus, weil Nick und Norah erkennen, dass sie sehr verschieden sind. Auf der ereignisreichen Suche nach Norahs verschollener betrunkener Freundin Caroline und nach einem Geheimkonzert der gemeinsamen Lieblingsband „Where’s Fluffy?“ scheint es mit etwas Verspätung doch noch zu funken. Und auf einmal will Tris sich wieder mit Nick versöhnen.

„Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht“ ist für mich ein Wunderwerk, und das meine ich nicht in erfreulicher Weise. Es ist nämlich ein Wunder, wie durchschnittlich dieser Film wirkt: Humor, Spannung, Romantik – das alles ist vorhanden, aber nichts davon richtig. Die Liebesgeschichte zwischen Nick und Norah will nicht richtig abheben, und berührt mich auch in der weiteren Entwicklung nur wenig. Die zentrale Frage, ob die Charaktere das angekündigte Konzert rechtzeitig finden (von dem sie nur wissen, dass es irgendwo in der Stadt sein soll) löste in mir auch keine nennenswerte Spannung aus. Es gelingt dem Film leider nicht, den Zuschauer auf dem Road Trip, den Nick, Norah, und ihre gemeinsamen Freunde erleben, einzusammeln und mitzunehmen.

Unglücklicherweise sah ich den auffallend ähnlichen Film „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“ (2010) lange vor dieser Romanverfilmung von Peter Sollett aus dem Jahr 2008, in dem ebenfalls Michael Cera die Hauptrolle, und – mal vom Namen abgesehen – so ziemlich den gleichen Charakter spielt. Alles was „Nick und Norah“ bietet, hat „Scott Pilgrim“ auch, nur in cooler, abgedrehter, witziger und sogar romantischer. Unnötige stilistische Fehlgriffe wie eine Überdosis homosexuell angehauchter Wortspiele, Witze die in der deutschen Synchronisation so überhaupt nicht funktionieren wollen, und eine der sinnlosesten Ekelszenen, die ich je gesehen habe, können dem Zuschauer mitunter recht früh den Spaß an diesem Film nehmen.

Der visuelle Aspekt hat mich ein wenig enttäuscht, weil der vom Regisseur vielleicht am meisten vernachlässigt wurde. Mir ist keine einzige besondere Kameraeinstellung oder eine sonstige bemerkenswerte Aufnahme im Gedächtnis geblieben. Für meinen Geschmack verhält sich die optische Präsentation der Handlung zu sehr pragmatisch, zu nüchtern. Musikalisch mag der Film sich vom Durchschnitt abheben, vorausgesetzt man hat ein Faible für amerikanischen Indie-Rock, der sich zwar meiner Ansicht nach äußerst gut für Highschool-Komödien eignet (weil ich mich dabei unweigerlich an Abi-Bands erinnert fühle, und die Kombination daher in diesem Kontext sehr stimmig ist), aber dem ich sonst nicht viel abgewinnen kann. Der eine oder andere mag das gänzlich anders sehen und mehr zum musikalischen Wert des Soundtracks sagen können.

Es gibt auch Positives: Michael Cera und Kat Dennings sind die einzigen bekannteren Stars im schauspielerischen Line-Up, machen als Nick und Norah aber einen guten Job. Wobei ich hoffe, dass Cera auch noch andere Rollen als den schüchternen unbeliebten Schuljungen mit musikalischer Ader spielen will. Eine unüberhörbare Message, die der Film sich außerdem mit „Scott Pilgrim“ zu teilen versucht: Schwule Freunde sind immer die besten Freunde, weil sie dir nie die Frau ausspannen. Oder so etwas in der Art. Und darüber hinaus: Geld und Ruhm machen nicht glücklich.

Fazit: Den größten Spaß werden wohl Fans des Musikgenres und der Hauptdarsteller haben. Wer eine einfache Liebesgeschichte mit jungen unerfahrenen Schauspielern ohne echte Überraschungen erwartet, kann bedenkenlos zugreifen. Auf seine Art war der Film für mich interessant und mitunter sogar spaßig und romantisch, aber präsentiert sich leider wirklich kunstlos und unmotiviert. Man hätte mit Sicherheit mehr aus der Thematik herausholen können.

The show must go on

Gerade im Begriff seinen Universitätsabschluss in Veterinärmedizin zu machen, liegt das Leben von Jacob Jankowsi (Robert Pattinson) plötzlich in Scherben. Durch eine mehr oder weniger glückliche Fügung landet der Sohn polnischer Einwanderer bei dem bekannten Wanderzirkus „Benzini Bros“. Zirkusdirektor August Rosenbluth (Christoph Waltz) gibt ihm eine Stelle als Tierarzt, dabei lernt Jacob die junge Artistin Marlena (Reese Witherspoon) kennen, die Ehefrau von August. Jacob stellt schnell fest, dass das Showgeschäft ein knallhartes Geschäft, und dass August ein gefährlicher Mann ist, dem weder Tier- noch Menschenleben etwas bedeutet, wenn er nur ein paar Dollar sparen kann. Als dieser dahinter kommt, dass Jacob und Marlena schließlich wesentlich mehr als nur Kollegen sind, muss Jacob fliehen um sein Leben zu retten. Er weiß, dass ein besseres Leben auf Marlena wartet und plant gemeinsam mit ihr durchzubrennen.

Der für Hollywood-Verhältnisse beinahe unbekannte Regisseur Francis Lawrence („Constantine“, „I Am Legend“) spielt in der Romanverfilmung „Wasser für die Elefanten“ mit dem starken Kontrast zwischen den glanzvollen Zirkusvorführungen und dem Schmutz und der Gewalt hinter den Kulissen, der Illusion einer perfekten Welt und dem zugrundeliegenden Schmerz. Die spürbare Kritik, die in den Film eingewoben ist, befasst sich damit, dass es Zeiten gab, in denen Tierquälerei eines der Fundamente des Zirkusgeschäfts bildete, und dass bei leerer Kasse auch Zirkusvolk entbehrlich war. Der Film spielt in den Vereinigten Staaten zur Zeit der Prohibition um 1930, kurz nach der Weltwirtschaftskrise von 1929, einer schwierigen Zeit für die Menschen, und begründet durch die Armut in der Bevölkerung eine glaubwürdige Grundlage für die Handlung.

Unter den Darstellern fällt zunächst Robert Pattinson auf, der in der Traumfabrik vor allem dem weiblichen Kinobesucher als handzahmer Kuschelvampir Edward aus der erfolgreichen „Twilight“-Filmreihe bekannt ist. Hier kann er durchaus demonstrieren, dass ihm auch andere Rollen liegen. Reese Witherspoon konnte mich nicht in dem Maße überzeugen, fällt aber wenigstens nicht negativ auf. Der brillierende Star ist – und es fällt mir nicht leicht, das schon wieder zuzugeben – der Österreicher Christoph Waltz, der erstmals 2009 in Hollywood dank Quentin Tarantino zeigen konnte, dass er ein erstklassiger Charakterdarsteller ist. Er glänzt in seiner Rolle als Paradeschuft, als rücksichtsloser gewalttätiger Zirkusdirektor. Wie kein anderer geht Waltz in seiner Arbeit auf. Einer Erwähnung am Rande erweist sich aus den Reihen der Darsteller zuletzt Hal Holbrook als würdig, der den alten Mann zu Beginn und am Ende des Films spielt. Sein Auftritt mag kurz, aber dafür umso nachhaltiger und emotionaler sein, als es der ganze sonstige Film ist.

Ein ganz besonderes Highlight von „Wasser für die Elefanten“ ist der wie selbstverständlich ausgezeichnete Soundtrack von James Newton Howard, der von der ersten bis zur letzten Minute unter die Haut geht. Die Musik wirkt meistens dezent im Hintergrund, aber spielt sich in den Vordergrund, sobald es darauf ankommt, und verleiht den magischen Momenten des Films ihre einzigartige Magie. Weniger gut gefallen haben mir die hektischen Szenen mit den digital eingefügten Raubtieren am Ende, nicht nur weil der Effekt verhältnismäßig billig wirkt, sondern auch weil hier (absichtlich) mit einem Übermaß an Bewegungsunschärfe gearbeitet wurde, um den Makel zu verschleiern.

Fazit: „Wasser für die Elefanten“ will meiner Meinung nach zeigen, dass nicht alles Gold ist was glänzt, und dass Glück manchmal Hand in Hand mit Elend geht, und das gelingt ihm sehr gut. Unter den Darstellern sticht zumindest Christoph Waltz eindeutig heraus, was Fans interessieren dürfte. Unempfindlich gegen Drama und Liebesgeschichten sollte man besser nicht sein, denn sonst könnte der Film seine Wirkung verfehlen. Kein Meisterwerk, aber es reicht allemal für eine echte Empfehlung meinerseits.