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Film-Kurzreview: „Nachtzug nach Lissabon“

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Kitschige Reise zur Selbsterkenntnis

nachtzugnachlissabonDer alleinstehende Gymnasiallehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) lebt seit Jahren in dem traurigen Bewusstsein, dass er ein langweiliger Mensch ist, bis er auf dem Weg zu einer Unterrichtsstunde eine junge Frau davor bewahrt, von einer Brücke zu springen. Bevor er mehr über sie erfahren kann, läuft sie davon. In ihrer Manteltasche findet er ein geheimnisvolles portugiesisches Buch und eine Fahrkarte nach Lissabon. Kurzerhand entschließt er sich zu einer Reise. Aus dem Buch erfährt er die tragische Geschichte des Mediziners Amadeu, der in den 1970er Jahren, zur Zeit der autoritären Diktatur in Portugal für den Widerstand arbeitete. Raimund besucht in Lissabon Pater Bartolomeu (Christopher Lee), Amadeus Schwester Adriana (Charlotte Rampling) und seinen ehemaligen besten Freund Jorge (Bruno Ganz), mit deren Hilfe er der Entstehung des äußerst seltenen Buches auf den Grund gehen will. Während er versucht, die letzten offenen Fragen in der dunklen Vergangenheit von Amadeu und seinen Freunden aufzuklären, muss er sich gleichzeitig entscheiden, wo sein Platz im Leben sein soll. Dabei will ihm die Optikerin Mariana (Martina Gedeck) helfen.

Der starkino-erprobte dänische Filmemacher Bille August führte bei der Bestsellerverfilmung „Nachtzug nach Lissabon“ von 2013 Regie. In dem Film nach dem gleichnamigen Roman von Pascal Mercier findet ein einsamer Lehrer in den geschriebenen Worten des portugiesischen Arztes Amadeu die nötige Kraft, um die Ketten seines betäubenden langweiligen Alltags, dem er sich vor langer Zeit ergeben hat, zu sprengen. Auf seiner erkenntnisreichen Reise durch das Leben des verstorbenen Verfassers hilft er bei der Aufarbeitung einer längst vergessenen Geschichte über Politik, Freundschaft, Liebe und Eifersucht, und findet dabei endlich den Weg zu sich selbst. Eine zufällige Begegnung auf einer Brücke veranlasst Raimund, die Zügel seines eigenen Schicksals selbst in die Hand zu nehmen, und wieder zu leben, statt nur gelebt zu werden.

Die schlechte Nachricht vorweg: „Nachtzug nach Lissabon“ trieft geradezu vor Kitsch, und das Motiv der Hauptfigur scheint besonders am Anfang mindestens so undurchsichtig wie unlogisch. Nicht jeden werden die tiefsinnigen Buchzitate, die gelegentlich in den Film eingestreut werden, in philosophische Ekstase versetzen, vielleicht sogar eher abschrecken. Trotz allem sollte man unbedingt einmal versuchen, durch den entsetzlich rührseligen, alles romantisierenden Schleier des Films zu blicken, denn dahinter verbirgt sich ein bewegendes Drama vor einem historischen Hintergrund.

Ohne Frage wurden Jeremy Irons, Christopher Lee und Bruno Ganz auch wegen ihrer Bekanntheit gecastet, aber womöglich schadet diese Besetzung dem Film mehr als sie nützt: Jeremy Irons ist Hauptdarsteller in einer Geschichte, in der er über weite Strecken keine direkte Rolle spielt, und Christopher Lee und Bruno Ganz haben nur wenige Szenen, die von ihrer Erfahrung profitieren könnten. So lenken die berühmten Gesichter eher von der Handlung ab, anstatt ihr den nötigen Kontrast zu verleihen.

Fazit: Mit „Nachtzug nach Lissabon“ wurde ein betont melancholischer Film über eine fiktive Begebenheit in einem historischen Kontext im politisch vielleicht problematischsten Kapitel Portugals geschaffen, über den steinigen Weg zur Selbsterkenntnis, ein Film, der sich in seiner erzwungenen, mitunter künstlichen Emotionalität und seiner konfusen Logik leider zu stark gehen lässt. Im Kern aber ist es ein bewegender, wenig alltäglicher Film, der vor allem Hobbyphilosophen und Herbstromantiker ansprechen könnte.

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Film-Kurzreview: „Seelen“

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Nehmt euch ein Zimmer

seelenDie Menschheit hat ein Problem: Außerirdische übernehmen nach und nach die Körper aller Menschen, und auf die letzten Überlebenden wird – unter der Leitung der „Sucherin“ (Diane Kruger) – systematisch Jagd gemacht. Eine kleine Gruppe von Widerstandskämpfern, zu der auch die junge Melanie (Saoirse Ronan) und ihr Freund Jared (Max Irons) gehören, will sich die Erde zurückerobern. Bei dem Versuch ihren kleinen Bruder vor einer Patrouille zu schützen, wird Melanie geschnappt und ihr Körper von einem außerirdischen Wesen, dem „Wanderer“, beseelt. Mit seiner Hilfe sollen ihre Gedanken ausgehorcht und so das Versteck der letzten Menschen gefunden werden, doch Melanie, jetzt Gefangene in ihrem eigenen Kopf, gelingt es, den Wanderer zur Flucht zu überreden. In Gestalt von Melanie wird der Wanderer im Versteck ihres Onkels Jeb (William Hurt) misstrauisch empfangen. Weil viele den Verlust von Melanie bedauern, bauen sie eine Freundschaft zu „Wanda“, wie sie nun genannt wird, auf. Jared fühlt sich betrogen als Wanda und der verwegene Ian (Jake Abel) schließlich Gefühle füreinander entwickeln. Doch das sind Nebensächlichkeiten als die Sucherin das Versteck aufspürt.

Die Idee, dass uns Außerirdische besuchen und in Gestalt unserer Mitmenschen auf der Erde wandeln, ist in Kreisen der Filmemacher so neu freilich nicht. In dem Kult-Horrorstreifen „Die Körperfresser kommen“ wird die Thematik als prominentes Beispiel fantastisch in Szene gesetzt. Der Regisseur Andrew Niccol versucht sich mit der Verfilmung des von der Vampirschmachtreihe „Twilight“ bekannten Bestsellerautorin Stephenie Meyer geschriebenen „Seelen“ an einer cineastischen Vermischung besagten Horrorszenarios mit der irrationalen, hormongesteuerten Welt der Teenagerliebe – also genau dasselbe (Erfolgs-)Konzept wie schon bei Twilight. Anstatt dem Vampirfilm-Genre ein ums andere Mal mit Begeisterung die spitzen Zähne abzufeilen, wird hier zur Abwechslung Liebe zwischen Menschen und Außerirdischen propagiert.

Elementarer Baustein der Handlung ist Melanies Schizophrenie, die eine gewisse Vielschichtigkeit und einen nervenaufreibenden Machtkampf der beiden Identitäten andeutet, sich aber schon nach kurzer Zeit darauf beschränkt, in welchen Jungen Melanie bzw. Wanda nun eigentlich verliebt sein darf. Ihr innerer Widerstand gegen den Eindringling resultiert zwar in einer Vielzahl an durchaus interessanten Mono-/Dialogen, doch in vielen Szenen gehen mir ihre durchdringenden Zwischenrufe aus dem Off, die über ein „Lass das!“ oder „Hör auf damit!“ selten hinausgehen, eher auf die Nerven. Immerhin begibt sich der Film in philosophische Tiefsinnigkeit über die destruktive Natur des Menschen und – angesichts der Tatsache, dass es um die Spaltung bzw. Verbindung von Körper und Geist geht – die Frage, was denn eine Person grundsätzlich ausmacht. Dies gelingt ausgesprochen gut.

Für die jungen Hauptcharaktere aus dem Film scheint es nur wenig Romantischeres als eine Alien-Invasion auf der Erde zu geben, denn anders kann man sich kaum erklären, wieso Melanie/Wanda ständig dabei ist, mit den Herren der Schöpfung herumzuknutschen. Das sind wohl die Stellen, an denen man sich kurz selbst daran erinnern müsste, dass „Seelen“ auch ein Liebesfilm ist, denn er kann das mit seinem Setting recht gut kaschieren, selbst wenn das nicht seine Absicht ist. Die sterile emotionslose Gesellschaft der menschgewordenen Außerirdischen entführt schnell die Aufmerksamkeit des Zuschauers.

Saoirse Ronan, bekannt unter anderem aus Peter Jacksons Drama „In meinem Himmel“ und dem Thriller „Hanna“, blüht in der Rolle der roboterhaften Wanda verständlicherweise nicht immer auf, dafür besteht andererseits auch keine Gefahr, dass sie die Figur überspielt. Ihre durchaus sehenswerte Leistung muss sich hier mit einem William Hurt und einer Diane Kruger vergleichen lassen, die viel von ihrem Handwerk verstehen und das auch so rüberbringen, was nur zum Vorteil von „Seelen“ ist. Der Soundtrack von Antonio Pinto gehört nicht zu seinen besten, übertrifft aber noch bei weitem die Klasse, die für einen solchen Film nötig ist.

Fazit: Nicht überall wo Stephenie Meyer draufsteht, sind auch Vampire drin: „Seelen“ ist eine gutgemachte, einigermaßen glaubwürdige, wenn auch reichlich pubertäre Genre-Mixtur nach bewährtem Rezept. Der Schwenk von bekanntem Fantasy-Terrain hin zu typischer Science-Fiction ist kein Reinfall und auch keine Offenbarung, aber es ist schön zu sehen, dass man sich gelegentlich auch noch Experimente zutraut.

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Film-Kurzreview: „Die Legende von Pinocchio“

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Nette Kinderbuchverfilmung mit unheimlicher Puppe

legendevonpinocchioAls dem einsamen Puppenschnitzer Gepetto (Martin Landau) im Wald scheinbar zufällig ein Holzklotz vor die Füße fällt, beschließt er, daraus eine neue Holzpuppe zu schnitzen. Pinocchio (Jonathan Taylor Thomas), wie er die liebevoll gefertigte Marionette tauft, wird kurz darauf lebendig, und stellt das Leben des überraschten Gepetto gehörig auf den Kopf. Angetrieben von seiner schrecklichen Neugier und dem Wunsch, ein richtiger Junge zu werden, bringt Pinocchio seinen Vater in haarsträubende Situationen, und schließlich sogar vor die Anklagebank. Um einer langen Gefängnisstrafe zu entgehen, überlässt Gepetto dem windigen Geschäftsmann Lorenzini (Udo Kier) seine einzigartige Holzpuppe, der mit Hilfe dieser neuen Attraktion das große Geld machen will. Gepettos Jugendliebe Leona (Geneviève Bujold) kann ihn davon überzeugen, gemeinsam nach Pinocchio zu suchen. Dieser treibt sich inzwischen in einem merkwürdigen Vergnügungspark herum…

Steve Barron führte bei dieser Realverfilmung von 1996 Regie. Das Kinderbuch des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi erlangte erst mit Hilfe des zweiten abendfüllenden Zeichentrick-Kinofilms der Walt Disney Pictures breite internationale Berühmtheit. Schon mindestens drei Generationen dürfte Pinocchio bekannt sein als verzauberte Marionette, die keine Fäden hat und die lieber ein richtiger Junge als ein Holzspielzeug wäre. Und dafür, dass seine Nase länger wird, wenn er lügt. Barrons Inszenierung orientiert sich stärker an der übersichtlicheren, etwas friedlicheren Disney-Fassung als am Buch. Um einen schwachen Versuch von Romantik in den Film einzubringen, wurde die Figur der Leona entworfen. Gepetto, der sich unbedingt einen Sohn wünscht, und Leona nehmen somit gemeinsam die Elternrolle für Pinocchio ein.

Jim Hensons Name gilt in der Branche üblicherweise als Gütesiegel für hochwertige Puppeneffekte, doch muss man Pinocchio vielleicht einfach als Ausnahme von der Regel betrachten: Das einzig Überzeugende an ihm ist die Mimik, allerdings wirkt das auf Erwachsene weniger süß als mehr unheimlich. Pinocchios betont menschliche Erscheinung leidet ein wenig am „Uncanny Valley“-Effekt. Sein Aussehen und seine Bewegungen wirken nicht künstlich genug für die Augsburger Puppenkiste, und nicht menschlich genug für ein Kind. Die Kombination aus Stop-Motion-, Bluebox- und animatronischen Effekten wirkt nicht billig, aber andererseits auch nicht allzu beeindruckend. Computergrafik wurde hauptsächlich für die animierte Grille Pepe verwendet. Jene Szenen entsprechen zwar irgendwo dem Stand der Technik von 1996, wirken aber dennoch sehr aufgesetzt und entbehrlich, schon da Pinocchio mit der Grille nicht richtig interagiert.

Schauspielveteran Martin Landau holt wahrscheinlich das Bestmögliche aus seiner Rolle heraus, und so sind Gepetto und Lorenzini die beiden stärksten Charaktere des Films. In die Rolle des letzteren schlüpft der bekannte B-Movie-Kultdarsteller Udo Kier, der mit seiner exzentrischen undurchsichtigen Ausstrahlung eigentlich dafür prädestiniert ist, als Bösewicht gecastet zu werden. Seine beiden Handlanger, ähnlich wie im Buch als Fuchs und Katze dargestellt, werden gespielt von Hollywood-Hampelmann Rob Schneider und Bebe Neuwirth, und bringen der Besetzung entsprechend eine eher alberne Komponente in den Film ein. Geneviève Bujold hat nur einige wenige Szenen, die kaum der Rede wert sind. Musikalisch bekommt der Film mit Stevie Wonder und Brian May etwas prominente Unterstützung. Leider kommen die Songs, ebenso wie der Score von Rachel Portman im Film sehr wenig zur Geltung.

Fazit: Steve Barrons Pinocchio ist ein fast rücksichtsloser Frechdachs, den man womöglich eine Spur kindgerechter hätte gestalten sollen. Einige Schwächen und Logikschnitzer muss man dem Drehbuch ebenso verzeihen, wie etwa die Szene, in der Pinocchio vom Wal verschluckt wird, und seinen Ziehvater absurderweise genau in diesem Wal vermutet. Bleibt nur zu sagen, dass „Die Legende von Pinocchio“ vielleicht nicht gar so zauberhaft wie sein Disney-Pendant ist, aber allemal ein netter, leicht verdaulicher Kinderfilm, der ohne viel Spannung auskommt.

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Film-Kurzreview: „Spieglein Spieglein“

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Starkes Schneewittchen in einem schwachen Märchenspaß

spiegleinspiegleinAuf der einen Seite ein Mädchen, ihre Haut weiß wie Schnee, ihr Haar schwarz wie Ebenholz, auf der anderen Seite eine wunderschöne aber böse Stiefmutter und ihr magischer Spiegel. Die junge Prinzessin Schneewittchen (Lily Collins) leidet unter dem frühen Tod ihrer leiblichen Mutter scheinbar noch nicht genug, so dass ihre Stiefmutter Königin Clementianna (Julia Roberts) sie Jahre später auch noch um ihren geliebten Vater (Sean Bean) bringt. Als alleinige Herrscherin des Landes treibt die Stiefmutter das einst so frohe Volk in die Armut um ihre zahlreichen teuren Feste zu finanzieren und sperrt Schneewittchen im Schloss ein. Die Königin will sich in eiligster Kürze mit Prinz Alcott (Armie Hammer) vermählen, nur dummerweise finden Schneewittchen und der Prinz schnell gefallen aneinander. So kommt es, dass Clementianna die Prinzessin im Wald beseitigen lassen möchte. Diese kann das Herz des mit dem Mord beauftragten Dieners erweichen und flieht. Sie befreundet sich mit einer Gruppe diebischer aber gutmütiger Zwerge. Derweil kann Clementianna Alcott mit einem heimtückischen Liebeszauber doch noch zur Heirat überreden. Für Schneewittchen bricht eine Welt zusammen, doch die Zwerge ermutigen sie, für ihren Traumprinzen zu kämpfen.

Der indischstämmige Hollywood-Regisseur Tarsem Singh, bekannt für Blockbuster wie „The Cell“ und „Krieg der Götter“, drehte 2012 die kanadische Märchen-Verfilmung „Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen“ (Originaltitel: „Mirror Mirror“), die das Schneewittchen-Thema auf eine humorvolle und schrille Art aufgreift. Im Gegensatz zur direkten Konkurrenzproduktion „Snow White and the Huntsman“ aus dem selben Jahr, macht Singh damit eindeutig mehr richtig und weniger falsch. Schneewittchen, im Film von ihren Freunden liebevoll „Schneechen“ genannt, tritt darin mit ihrer Stiefmutter in einen Wettbewerb um denselben Mann. Erst in zweiter Instanz, so scheint es, wird auf die akuten sozialen Missstände im Königreich hingewiesen. Die Monarchin richtet ihre Amtsgewalt gegen Schneewittchen, um die unliebsame Konkurrentin aus dem Weg zu räumen. Im Verlauf der Handlung erfährt man von einem mysteriösen Spiegel, der zwar die Wünsche von Clementianna erfüllt, aber zuvor ankündigt, er wolle den Preis dafür später einfordern.

Ein wenig sinnfrei ist der Versuch, die Geschichte aus der Perspektive der Stiefmutter erzählen zu wollen, und dem Zuschauer dadurch einen alternativen Handlungsverlauf in Aussicht zu stellen, was sich dann aber am Ende als irreführend erweist. Überhaupt sind die Schwächen ziemlich leicht auszumachen: Der Film bietet nur wenig fürs Auge, mal von den (zumeist durchaus ansehnlichen) Darstellern abgesehen. Auch der Soundtrack ist so zurückhaltend, kraftlos und leicht ersetzbar, dass ich mich inzwischen fragen könnte, ob der Film überhaupt musikalische Untermalung bot – mit Ausnahme des Abspanns. Außerhalb des engen Rahmens der fest vorgegebenen Handlung erlaubt sich Singh kaum Experimente. Das führt dazu, dass der Film für eine konservative Märchenverfilmung nicht zurückhaltend genug ist und für eine Neuinterpretation nicht genug neue Ideen einbringt.

Schneewittchen wird gespielt von Lily Collins, die ihre Figur zunächst ein wenig verschüchtert, etwas später dagegen sehr selbstbewusst und kämpferisch darstellt. Auch wenn sie das gar nicht schlecht macht, steht sie ein wenig im Schatten ihrer erfahrenen Filmkollegin Julia Roberts, die aber selbst auch schon bessere Leistungen zeigen konnte. Sean Bean hat einen kurzen Auftritt als König. Darüber lässt sich nicht viel sagen, außer dass er seine Wirkung nicht verfehlt. In „Spieglein Spieglein“ sucht man schauspielerische Glanzleistungen oder ein umfangreiches Drehbuch leider vergeblich, doch schon allein da sich der Film selbst nicht ganz ernst nimmt, sieht man alles sehr viel ungezwungener, entspannter, und man setzt seine Prioritäten in Bezug auf filmische Ansprüche plötzlich ganz anders. Der Film kommt mit einer spürbaren sympathischen Bescheidenheit daher, die es mir unmöglich macht, mit dem Film allzu hart ins Gericht zu gehen. Das muss ich dem Regisseur zugutehalten.

Als überraschend witzig empfand ich auch die mit einem Quäntchen Bollywood versehene Gesangs- und Tanzeinlage zum Abspann, die man wohl als Persiflage auf den indischen Regisseur Tarsem Singh und die Filmkultur seines Herkunftslandes werten kann. Ein gelungener Gag wohl auch in den Augen jener, die dem Genre normalerweise bei jeder Gelegenheit zu entfliehen versuchen. Und eine schöne Szene, die demonstriert, dass Lily Collins singen kann, was im Hinblick auf ihren Vater – der Musiker Phil Collins – auch gar nicht sonderlich verwundert.

Fazit: Als Märchenverfilmung ist „Spieglein Spieglein“ eine an- und vor allem bodenständige Produktion, aber kein Film von hoher Qualität. Es fehlt der Handlung an Tiefe, dem Höhepunkt an Spannung, und es fehlt an jeglicher Bild- und Tongewaltigkeit. Doch man merkt, dass der Film das merkt. Singh spielt dem Zuschauer nicht vor, dass er einen großen Film geschaffen haben möchte, sondern stattdessen lieber seine Trümpfe aus: Ein dezenter aber umso begeisterungsfähigerer Humor, einige starke Charaktere, eine bezaubernde Lily Collins und last but not least Julia Roberts und Sean Bean. Setzt man seine Ansprüche nicht zu hoch an, wird man von diesem Schneewittchen kaum enttäuscht sein können.

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Film-Kurzreview: „Snow White and the Huntsman“

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Nicht die Schönste im ganzen Land

snowwhitehuntsmanEs hätte eine so schöne Kindheit für Prinzessin Snow White (Kristen Stewart) werden können, wenn da nicht plötzlich ihre Mutter gestorben wäre. In der Folge heiratet ihr Vater, König Magnus, die geheimnisvolle Ravenna (Charlize Theron), die er zuvor aus den Fängen dunkler Krieger befreit hatte. Ein fataler Fehler, wie sich herausstellt, denn Ravenna – jetzt Königin – ermordet kurzerhand ihren frisch angetrauten Gemahl, lässt Snow White in einen Turm sperren und reißt die alleinige Gewalt über das gesamte Land an sich. Als die Prinzessin eines Tages volljährig wird, erkennt Ravenna, welche Gefahr das Mädchen für sie darstellt. Doch kurz bevor Ravenna sie töten kann, gelingt es Snow White zu fliehen. Der Huntsman (Chris Hemsworth), ein stadtbekannter Trinker, soll sie aufspüren und zurückbringen, doch stattdessen beschließt er, sie zu beschützen, da sie die einzige ist, die die Schreckensherrschaft ihrer grausamen Stiefmutter beenden kann. Glücklicherweise stehen ihr außerdem ihr Jugendfreund William und einige Zwerge tapfer zur Seite, während Ravennas bösartiger Bruder der Truppe schon dicht auf den Fersen ist.

Wer kennt es nicht, das alte Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen von den Gebrüdern Grimm, das nicht zuletzt dank Disney wahrscheinlich eines der bekanntesten auf der Welt ist. Seine jüngste cineastische Inkarnation wurde erst vor wenigen Monaten in den deutschen Kinos zelebriert: in Form des zweistündigen Spielfilms „Snow White and the Huntsman“. Regie führte der unerfahrene Rupert Sanders. Als Zuschauer einer solchen Vorstellung erwartet man sicherlich keine handlungstechnischen Überraschungen, da die Geschichte ohnehin bekannt ist, aber vielleicht ist es dem Regisseur sogar gelungen, dem Märchen einige spannende Finessen, einen glänzenden neuen Anstrich, eine ganz andere Perspektive, soviel Tiefgang und so dermaßen vielschichtige Charaktere zu verpassen, dass man das Gefühl bekommt, man habe etwas völlig neues gesehen. Ist der Film am Ende sogar ein bisschen wie „Der Herr der Ringe“ von Peter Jackson?

Eigentlich nicht. Der Film bringt wirklich ein paar frische Ideen ein, so z.B. dass die Stiefmutter mit einem Fluch belegt ist, oder eine trollähnliche Kreatur, die am Rand eines dunklen Waldes haust. Snow White und der Huntsman landen in einem Dorf, in dem nur noch Frauen leben. Snow White begegnet dem Geist des Waldes im Reich der Feen. Fast nichts davon wird eingehend behandelt, immer nur kurz angerissen und dann sofort aus dem Fokus der Handlung verdrängt und nie wieder erwähnt. Man kann sich auch darüber streiten, ob es ein guter Schachzug war, dass Sanders Schneewittchen einen Hauch von Surrealismus verleihen wollte. Ich fand das meistens sehr interessant, wenn es nur nicht so halbherzig umgesetzt worden wäre. Womöglich liegt es an den Schauspielern, dass der Film so flach wirkt.

Da wäre zunächst Kristen Stewart, das etwas an chronischer Ausdrucksschwäche leidende, aber allemal entzückende Twilight-Sternchen. Damit ist sie für diese Rolle bereits ausreichend qualifiziert und füllt diese auch gänzlich aus. Dass es bei Snow White eben nicht allzu sehr „menschelt“, verzeihe ich dem Film wahrscheinlich sogar leichter als wenn ich mich mit dem Gegenteil hätte abfinden müssen. Umso mehr Emotion liefert dafür eine erwartungsgemäß sehr professionelle Charlize Theron: Sie schreit, sie knurrt, sie hat beinahe Schaum vor dem Mund, und im Gegensatz zu Stewart kann sie sogar weinen, ohne dass es aussieht als wären ihre Augen nur ein bisschen undicht. Chris Hemsworth kopiert hier mehr oder weniger exakt seine Paraderolle aus „Thor“, nur eben ohne göttliche Superkräfte. Wohlmeinend unterstelle ich der Castingabteilung hier Absicht, sonst müsste ich mich darüber beklagen wie stumpf er den Huntsman darstellt. Seine Beteiligung garantiert jeder noch so sorgfältig choreografierten Kampfszene die Eleganz einer Kneipenschlägerei. Die anderen Darsteller hinterlassen kaum genug Eindruck, damit es sich lohnen würde, noch genauer darauf einzugehen. Einzig Bob Hoskins als blinder Zwerg war mir sofort sympathisch.

Etwas befremdlich wirkt, wenn es auch kein Problem des Films sondern der Synchronisation ist, die Verwendung des englischen Namens „Snow White“ für Schneewittchen (daran gewöhnt man sich), und (irgendwie konsequenterweise) „Huntsman“. Für deutsche Ohren ist letzteres vielleicht doch ein bisschen ungeschickt, hätte man doch mit Leichtigkeit etwas aus unserer Sprache einsetzen können. Zumindest meine Wenigkeit versteht in komplett deutschen Dialogen, in denen plötzlich vom „Huntsman“ die Rede ist, schon weil der Begriff im gesamten Film pseudonym verwendet wird, gerne mal so etwas wie „Hansmann“ und musste entfernt an einen Hanswurst denken, aber nicht an einen Jäger. Das kann störend sein, muss es aber natürlich nicht.

Fazit: „Snow White and the Huntsman“ ist kein schlechter Film, und es ist auch kein guter Film. Es ist wohl einfach nur ein Film, und er hat sogar seine Momente, z.B. wenn Snow White ihre „Johanna von Orléans“-Phase hat und beritten und in voller Montur ihre heimatliche Burg stürmt. Optisch gibt es an dem Film nichts zu kritisieren und auch der Soundtrack ist unauffällig aber gut. Fans von Charlize Theron werden sämtliche ihrer Szenen lieben. Darüber hinaus, fürchte ich, kann ich mit Lob im Besonderen nicht dienen. Es ist nicht richtig spannend, es gibt keine echte Liebesgeschichte, auch mit allzuviel Humor darf man nicht rechnen, und überhaupt. Andererseits, wer gerade sonst keinen Film und auch nichts wichtigeres zu tun hat, der wird sich ganz passabel unterhalten fühlen, sofern er denn wenigstens die Hauptdarsteller interessant findet.

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