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Film-Kurzreview: „Rubinrot“

Zwei Edelsteine auf Zeitreise

rubinrot_altSchulstress, Pickel oder Liebeskummer sind für die rebellische Gwendolyn (Maria Ehrich) eigentlich das kleinste Problem. In ihrer sonderbaren Familie dreht sich alles nur um ihre bornierte Cousine Charlotte (Laura Berlin). Während sämtliche Familienmitglieder schon sehr gespannt darauf warten, dass sich ein vererbter Gendefekt bei Charlotte endlich in Form einer Zeitreise bemerkbar macht, stellt Gwendolyn entsetzt fest, dass eigentlich sie die Trägerin dieses Gens ist, und findet sich prompt im London des frühen 20. Jahrhunderts wieder. Soweit alles ganz normal. Gezwungenermaßen als Ersatz für ihre Cousine wird die völlig unvorbereitete Gwen von einer zwielichtigen Zeitreise-Sekte für eine geheime Mission rekrutiert. Gemeinsam mit dem gutaussehenden Gideon (Jannis Niewöhner) soll sie – der Rubin – dabei helfen, das Blut von zwölf Zeitreisenden in einer Zeitmaschine zu sammeln, um eine Prophezeiung zu erfüllen. Allerdings scheint das mit der Prophezeiung nicht jeder für eine gute Idee zu halten…

„Rubinrot“ ist eine diesjährig veröffentlichte deutsche Filmproduktion von Felix Fuchssteiner, eine Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Jugendroman von Kerstin Gier. Zeitreisen stellen das zentrale Thema der Geschichte dar, daneben wie erwartet Liebe und das Erwachsenwerden mitten in London. Gwendolyn ist in dem Film die Auserwählte, die nicht auserwählt werden wollte, und so wird sie in ein Abenteuer geschickt, das sie initial weder versteht noch unterstützt. Das Problem mit dem Zeitreise-Hintergrund der Handlung ist, dass dieser viel Potenzial bietet, wie es schon von einigen berühmten Filmwerken wirklich gut auf die Leinwand gebracht werden konnte, was dann auch eine unbewusste (vielleicht ungerechte) Erwartungshaltung erzeugt. Tatsächlich werden Zeitreisen hier unspektakulär und unproblematisch dargestellt. Dass eine Zeitreise in die Vergangenheit etwa Auswirkungen auf die Gegenwart haben könnte, wird zwar erwähnt, aber es wird leider versäumt, dies überhaupt in irgendeiner Szene zu demonstrieren. Eine Zeitreise ist hier einfach eine Reise an einen eigentlich unzugänglichen Ort.

Etablierte und überzeugende deutsche Filmschauspieler wie Josefine Preuß, Gottfried John und Veronica Ferres bilden einen angenehmen Kontrast zu den Nachwuchstalenten, und zu der für das deutsche Kino gewohnt mäßigen Schauspielqualität. Der Film ist bemüht, sich auf alltagssprachlichem, jugendlichem Niveau zu bewegen, bringt aber vereinzelt merkwürdige Dialoge hervor, die zu den Charakteren nicht so recht passen wollen. So wie die etwas unglaubwürdigen Textzeilen von Gwens Schulfreundin Leslie, die sich in ihrer Darstellung gerade noch mit GZSZ messen kann. Jannis Niewöhners Darbietung des abenteuerlustigen Zeitreisepartners Gideon kann sich dagegen sehen lassen. Die historischen Kostüme und Sets wirken sehr authentisch. Auch sind die Kampfszenen von Gideon einigermaßen gut choreographiert. Als tolle Idee nahm ich die Begegnung von Gwen mit ihrem längst verstorbenen Großvater zur Kenntnis, der ihr zu Lebzeiten bei einer ihrer Zeitreisen noch begegnet ist, er also als einziger früher über ihren genetischen Umstand Bescheid wusste. Leider ist diese Szene so kurz, dass sie kaum ihre Wirkung entfalten kann.

Ohne sich zuvor mit der Thematik der literarischen Vorlage oder ihres Umfangs vertraut zu machen, ist spätestens nach der Hälfte der Spieldauer klar, dass es auf eine mehrteilige Filmreihe hinausläuft. Längst zuviele Charaktere, zuviele angedeutete Verschwörungen, und bei weitem zuviele Geheimnisse und unentdeckte übernatürliche Fähigkeiten werden in die Handlung eingeführt. So ist es dann auch keine Überraschung, dass „Rubinrot“ sich zum Finale hin gar nicht bemüht, Licht ins Dunkel zu bringen, sondern den Zuschauer mit einem halbgaren Ende und zum Abspann mit jeder Menge offener Fragen sitzen lässt.

Fazit: Der Film reißt eine ganze Reihe mehr oder weniger okkulter Bereiche im Zusammenhang mit einem uralten Geheimbund an, darunter Geister, Telekinese, Gedankenlesen, Magie und Zeitreisen. Diese Fülle an klassischen Fantasy- und Science-Fiction-Elementen wirkt dick aufgetragen und unterstreicht in diesem Fall: Weniger ist manchmal mehr. So scheint „Rubinrot“ ein bisschen wie eine verquere Mischung einer zeitreisenden Harry Potterin und Twilight ohne Vampiren und Werwölfen zu sein. Dennoch funktioniert der Film als Liebesgeschichte mit klischeeträchtigem Finale, das versucht zwei Streithähne in Turteltauben zu verwandeln, sogar ganz gut.

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